MUSLIME und der SÄKULARE STAAT

Sehr geehrter Hanel

Nach einiger Zeit recherchieren kann ich mit einer konkreten Frage auf Sie zurück kommen:

Der von mir besorgten Literatur entnehme ich hauptsächlich kritische Stellungnahmen von Vertretern des Islam gegenüber dem säkularen Staat. Einerseits heisst es, Säkularisierung sei im Islam nicht nötig und auch gar nicht möglich wegen der umfassenden Geltung der Glaubensüberzeugung.
Weiter wird der Säkularismus mit Wertverlust gleichgesetzt.
Können Sie mir diesbezüglich Ihre Meinung mitteilen, oder allenfalls Literatur empfehlen, die zu diesem Thema Stellung nimmt und ihre Meinung oder auch die Ihrer Vereinigung wiedergibt?

Für Ihre Hilfe und baldige Antwort bedanke ich mich im Voraus herzlich.

Mit freundlichen Grüssen

Nadine W.


Sehr geehrte Frau W.

Freut mich, dass Sie nach konkretem Studium der Bücher mit einigen Fragen auf mich/uns zukommen.
Lassen Sie uns also die Definition des Begriffs Säkularismus betrachten, damit wir auch über das Gleiche sprechen.

Zitat


Unter Säkularismus versteht man eine aus der Säkularisierung (mentaler Prozess der Trennung von Religion und Staat) und der Säkularisation (konkreter Prozess der Ablösung der weltlichen Macht religiöser Institutionen) erwachsene Weltanschauung, die sich auf die Immanenz und Verweltlichung der Gesellschaft beschränkt und auf darüber hinausgehende Fragen verzichtet. Der Begriff wurde von Friedrich Gogarten geprägt und unter anderem eingeführt, um eine Aussöhnung der christlichen Kirchen mit der Säkularisierung zu ermöglichen. Die kirchliche Seite betrachtet die dem Begriff des Säkularismus zugrunde liegende Weltanschauung meist als ideologisch – was Kritiker ihr wiederum als ebensolche Ideologie vorwerfen. (Wikipedia)


Ich sehe bei dieser Definition ohnehin ein grundlegendes Problem, nämlich, dass RELIGION dem STAAT gegenübergestellt wird. Etwas unpassend.
Denn richtiger wäre: (instituelle) Trennung von KIRCHE und STAAT (resp. RELIGION und POLITIK).

Die Religion vom Staat zu „trennen“ ist nicht nur inhaltlich, kategorisch unpassend, sondern auch praktisch sozusagen …  „Gesinnunsdiktatur“, solange Staatsbürger im demokratischen Staat (eine) Religion für sich wünschen – und wird vor allem dann äußerst FRAGWÜRDIG, wenn (weltliche) Politiker sich auf die christlich-jüdisch geprägte Leitkultur beziehen (ein Ausdruck, der wiederum Politik, Kultur und (säkularisierte) Religion willkürlich vermischt und gegen den „religiösen Feind = der Muslim“ ins Treffen führt).

Nächster Punkt.
Eine Gesellschaft, die auf Transzendenz (das Wesen der Religion) verzichtet und einzig und alleine sich auf Weltlichkeit und Immanenz (man muss sich fragen, Immanenz wessen?) bezieht, ist eben BESCHRÄNKT in umfassendem Sinn des Wortes und verzichtet darauf, den zweifellos vorhandenen spirituellen Aspekt des Menschseins zu berücksichtigen und zu pflegen und muss deshalb in Verarmung landen (womit nicht nur spirituelle Armut gemeint ist).
Das hemmungslose Ausleben von Diesseitigkeit führt natürlich auch in materielle Armut. Darüber ist sich eigentlich ohnehin jeder klar, der mit offenem Geist, wachen Augen und Ohren durchs Leben geht (siehe das ökologische und ökonomische, vom Menschen verursachte, weltweite Desaster …)

Nächster Punkt.
Nicht nur die christliche Kirche, sondern auch die muslimische Seite betrachtet die dem Begriff des Säkularismus zugrunde liegende Weltanschauung als ideologisch – wie könnte sie denn anders?
Hat doch die säkulare Seite eben keinen spirituellen, religiösen Aspekt im Repertoire, sondern eben den ideologischen.
Und insofern die KIRCHE (nicht die Religion) sich in rein weltliche Angelegenheiten einmischt (Frage: gibt es überhaupt „rein weltliche“ Angelegenheiten?) muss auch sie sich ideologische Aktivitäten vorwerfen lassen. So ist das Leben …

Dies zum Allgemeinen, nun zum Speziellen – dem ISLAM.

ISLAM versteht sich natürlich nicht als IDEOLOGIE (auch wenn einige muslimische Parteien dies anders sehen), sondern als umfassende LEBENSWEISE, welche sowohl den transzendenten wie auch den immanenten Aspekt pflegt – den der Schöpfer (ein Begriff, den die SÄKULARISTEN eben nicht gebrauchen – und deshalb sind diese „Gesellschaftsverwaltungsformen“ nicht vollständig mit dem Islam kompatibel, da den „Weltlichen“ eben dieser Aspekt abgeht, der allerdings und deshalb im exzessiven Begehen anderer Dinge kompensiert wird) bei individueller und auch gesellschaftlicher Ausrichtung menschlichen Lebens vorsieht.

Somit muss es nicht verwundern, wenn religiöse Menschen – welche nicht sich selbst auf die höchste Stelle der Autoritätsleiter stellen (wie weiland Napoleon oder Caesar oder Könige, welche meinen, „der Staat bin ICH“ … womit wir dann gleich beim demokratischen Wähler sind, der folglich ebensolches zu behaupten vermag), sondernGOTT„, welchem sie ihrer Meinung nach ihr Dasein verdanken – solch säkulare Lebensart mit WERTEVERLUST (Verlust transzendenter Werte, Bezüge und reziproker Abhängigkeiten) gleichsetzen.

Kurz gesagt:

Islamische Religiöse Weltsicht könnte beschrieben werden: Verknüpfung von TRANSZENDEZ und IMMANENZ und gegenseitige, reziproke Verwobenheit und Abhängigkeit beider Werte und Aspekte, mit der Vorherrschaft der absoluten transzendenten Quelle.

Säkulare Weltsicht könnte beschrieben werden: NUR die Berücksichtigung IMMANENTER (diesseitiger) Werte und Leugnung transzendenter verbindlicher Werte, mit der Vorherrschaft relativer menschlicher Individuen oder Organisationen.

Da das ABSOLUTE nicht wegzudenken und daher zu berücksichtigen ist – MUSS es in ALLEN Bereichen eine Rolle spielen – und wenn also dem Absoluten in einer bestimmten Weltsicht (säkulare Ideologie) keinen Platz findet, wird es von einer Sicht, welche dem ABSOLUTEN die Vorherrschaft über das RELATIVE einräumt, als nicht kompatibel gesehen.

Mit freundlichen Grüßen

Wassalam
M.M. Hanel
2021 Überarbeitete Version

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