WIDER den WIDERSINN der ABROGATION im QUR’AN

DIE ABROGATION im ISLAM

Muhammad Michael HANEL, Feb./März 2014

Für jene, welche sich mit Islam und den aus seiner reinen Quelle hervorgegangenen verschiedenen Strömungen ernsthaft befasst haben, könnte, ja sollte es einsichtig werden, dass das Konzept der ABROGATION eine fürchterliche, der menschlichen Seele, der niederen Nafs (an-nafs al-ammara) durchaus inne liegenden Destruktivität entfesselt hat. Eine Zerstörungskraft, die aufgrund der dadurch freiwerdenden, fanatisch umgesetzten Willkür Schaden an der Menschen Religiosität, Geist, Gemüt, Kultur, gesellschaftlicher, individueller Sicherheit, … in unermesslichem Umfang anrichtet.

Ein nachhaltiger Schaden, der gleicherweise Muslime wie Nicht-Muslime betrifft.

Unter Abrogation verlautet Wikipedia: http://de.ask.com/wiki/Abrogation_%28Islam%29?lang=de&o=2802&ad=doubleDownan=apnap=ask.com (vom Lateinischen abrogare: abschaffen, nasch, arabisch ‏نسخ‎, DMG nasḫ, Aufhebung) wird in dem hier behandelnden Kontext in der islamischen Rechtswissenschaft die Aufhebung einer normativen Bestimmung des Korans verstanden.

Also die Abrogationslehre behauptet, ein Vers des Qur’an wird durch einen anderen aufgehoben, in seiner Bedeutung sozusagen vernichtet, für null und nicht erklärt. Oder anders gesagt, ein Vers stünde einem anderen an Vorzüglichkeit vor, ja verweist diesen anderen in die Bedeutungslosigkeit – audhu bil’Lah (da sei Gott vor)!

Auch wenn ich die diesbezüglichen Anmerkungen, die Fußnoten (eingerückte kursive Abschnitte oder grüne Schrift) von Muhammad ASAD Koranübersetzung, die unten aufgeführt sind als ausreichend erachte, diesem völlig unangebrachten, desintegrativen, unlogischen Konzept die Berechtigung nach Anerkennung zu nehmen, will ich dennoch meine Gedanken dazu nicht verhehlen.

Für diesbezügliche Nachfragen und Diskussionen stehe ich über dieses Medium gerne zu Verfügung.

2: 106
Jede Botschaft, die Wir annullieren oder der Vergessenheit preisgeben, ersetzen Wir mit einer besseren oder gleichen.

Wisst ihr nicht, dass Gott die Macht hat, alles zu wollen?

Dies ist der zentrale Vers, welcher als Eckstein für die Abrogationstheorie herangezogen wird.
Es folgt nun die Begründung der Absurdität dieses Anspruchs durch Muhammad ASAD.

„Das Prinzip welches in diesem Abschnitt niedergelegt ist – in Bezug auf den Ersatz weiterer biblischer Verbreitung durch den Qur’an – war Ursache für weit verbreitete, irrtümliche Interpretation durch muslimische Theologen. Das Wort ayah („Botschaft“) welches hier Verwendung findet, wird auch gebraucht um einen „Vers“ des Qur’an zu bezeichnen (denn jeder dieser Verse beinhaltet eine Botschaft). Diese beschränkte Bedeutung des Wortes ayah im Auge, haben einige Gelehrte von obigem Abschnitt geschlossen, dass bestimmte Abschnitte des Qur’an durch Gottes Befehl „aufgehoben“ wurden, bevor die Offenbarung des Qur’an abgeschlossen war. Abgesehen von der Seltsamkeit dieser Unterstellung – der den Gedanken an einen menschlichen Autor hervorruft, der nach einigem Nachdenken zum Korrekturstift greift und einen Abschnitt seines Manuskripts durch einen anderen ersetzt – gibt es keine einzige verlässliche Überlieferung, dass der Prophet jemals erklärt hätte, dass ein Vers des Qur’an durch einen anderen „aufgehoben“ wäre. Dieser so genannten „Lehre der Aufhebung“ mag die Unfähigkeit einiger früher Kommentatoren zugrunde liegen, einen Abschnitt des Qur’an mit einem anderen in Übereinstimmung zu bringen: eine Schwierigkeit die dadurch überwunden wurde, einen in Frage kommenden Vers als „aufgehoben“ zu erklären. Dieses wider­sprüch­liche Vorgehen erklärt auch, warum es zwischen den Verfechtern der „Lehre der Aufhebung“ keine Einstimmigkeit darüber gibt, wie viele oder welche Verse der Aufhebung zuzuschreiben wären; und darüber hinaus gibt es keine Einhelligkeit darüber, ob die zugeschriebene Aufhebung sich auf die vollständige Eliminierung des Verses aus dem qur’anischen Kontext bezieht oder nur auf die spezifische Vorschreibung oder Feststellung im betreffenden Vers. Kurz gesagt, die „Lehre der Aufhebung“ hat keinerlei historische Grundlage und muss zurückgewiesen werden. Andererseits löst sich die offenkundige Schwierigkeit in der Interpretation obigen qur’anischen Abschnitts sofort auf, wenn der Begriff ayah richtigerweise als „Botschaft“ verstanden wird, und wenn wir diesen Vers in Zusammenhang mit dem vorangegangen lesen, der ja festhält, dass die Juden und Christen jede Offenbarung ablehnen, welche jene der Bibel ablöst: denn, wenn so gelesen wird, bezieht sich die Aufhebung auf die früheren göttlichen Botschaften und nicht auf irgendeinen Teil des Qur’an selbst.“ (Hervorhebungen Hanel)

Nachgefragt darf werden: wie könnte ein Muslime, der überzeugt ist, dass jeder BUCHSTABE im Qur’an quasi absoluten Wert und Bestand hat und kein Mensch das Recht besitzt, ihn aus dem Qur’an zu entfernen, ihn gar zu leugnen oder wegzudenken – selbst wenn er seine Bedeutung nicht gleich zu erfassen vermag (Stichwort „muqatta’at„) – sich willkürlich, nach Gutdünken herausnehmen, ganze Verse, vom Absolut Unfehlbaren Machthaber und Inhaber aller Herrlichkeit offenbart, als ungültig und in ihrer Aussage als überholt zu erklären?

Schießt solcherlei, geradezu absolut gesetzte „orthodoxe Rechtgläubigkeit“ – eine überbewertete eigene oder anderer Menschen Ansicht in ihrem Vorgehen denn nicht über die Grenzen einer durchaus wohlgemeinten und wohlmeinenden Schaffung von Ordnung hinaus und riskiert, um nicht zu sagen – schafft ein in ihrem Schluss und ihrem Ergebnis ähnliches Resultat wie jenes des „liberalen“ Ansatzes, welches – auf reinem Übermut und auf vielleicht traumatisch bedingter Achtlosigkeit und daher abwertender Beiläufigkeit beruhend, ganze Verse aus dem Qur`an zu entfernen wünscht?!

Nun ist es noch erforderlich, den quran’ischen Kontext herzustellen und die vorhergehenden sowie darauf folgenden Verse zu zitieren.

2: 105
Weder lieben es jene unter den Befolgern früherer Offenbarungen (Botschaften), die darauf versessen sind die Wahrheit zu leugnen, noch jene, welche anderen Wesen außer Gott Göttlichkeit zuschreiben, zu sehen, dass Gutes [1] euch von eurem Erhalter herabgesandt wird; doch Gott erwählt für Seine Gnade wen Er will – denn Gott ist grenzenlos in Seiner weiten Großzügigkeit.

2: 106
Jede Botschaft, die Wir annullieren oder der Vergessenheit preisgeben, ersetzen Wir mit einer besseren oder gleichen.

Wisst ihr nicht, dass Gott die Macht hat, alles zu wollen?
2: 107
Weißt du nicht, dass Gottes die Vorherrschaft über die Himmel und Erde ist, und dass ihr neben Gott nichts und niemanden habt, euch zu beschützen oder euch zu Hilfe zu kommen?

[1] d.h., Offenbarung – welche das höchste Gut(e) ist. Hier wird auf den Widerwillen der Juden und Christen angespielt, zuzugeben, dass Offenbarung auch einer anderen Gemeinschaft als der ihren zugekommen sein könnte.

Ein weiterer Vers aus dem Qur’an der zur Untermauerung des Abrogationsanspruchs zitiert wird, ist folgender:

10: 15
UND [so ist es:] immer wenn ihnen Unsere Botschaften in aller Deutlichkeit vermittelt werden, sagen [gewöhnlich] jene, welche nicht glauben, dass sie dazu bestimmt sind, Uns zu begegnen, „Bring uns eine andere Abhandlung als diese, oder ändere diese hier. [2]

[2] Sc., „um unseren eigenen Ansichten darüber zu passen, was gut und schlecht ist.“ Dies ist ein indirekter Hinweis auf die höchst subjektive Kritik qur’anischer Ethik und Eschato­logie durch viele Agnostiker (sowohl unter den Zeitgenossen des Propheten und in späterer Zeit), und besonders ihrer Ansicht, dass der Qur’an von Muhammad selbst erdichtet wäre und deshalb nichts anderes als seine eigenen Überzeugungen zum Aus­druck brächte. Bezüglich des Ausdrucks, „jene, die nicht glauben, dass sie bestimmt sind, Uns zu begegnen“, siehe erste Anmerkung zu 10:7 oben.

Ich gestehe, dass mir dieser Abschnitt eher ein Argument GEGEN die Befürworter der Abrogation zu sein scheint, denn ein Beweis für dessen Berechtigung.

Hier noch der Kontext, der erneut auf die Botschaften, die Offenbarungen verweist, welche den Juden zuvor gegeben worden war.

10: 13
Und, wahrlich, Wir vernichteten vor eurer Zeit [ganze] Generationen, wenn sie [unent­wegt] Böses taten, obgleich die Gesandten welche zu ihnen geschickt wurden, ihnen allen Beweis der Wahrheit vorlegten; doch sie weigerten sich [ihnen] zu glauben. So vergelten wir den Leuten, welche in Sünde verloren sind.
[3]
10: 14
Und darauf machten Wir euch zu ihren Nachfolgern auf Erden, damit Wir schauen mögen, wie ihr handelt.

10: 15
UND [so ist es:] immer wenn ihnen Unsere Botschaften in aller Deutlichkeit vermittelt werden, sagen [gewöhnlich] jene, welche nicht glauben, dass sie dazu bestimmt sind, Uns zu begegnen, „Bring uns eine andere Abhandlung als diese, oder ändere diese hier.

10: 16
Sprich: „Hätte Gott es [anders] gewollt, hätte ich euch diese [göttliche Schrift] nicht überbracht, noch hätte Er sie euch zur Kenntnis gebracht. Wahrlich, ein ganzes Leben habe ich davor unter euch verbracht [bevor die Offenbarung zu mir kam]: wollt ihr denn nicht euren Verstand gebrauchen?“
[4]

[3] Vergl. 6 :131-132. Der Ausdruck, der von mir mit „die Gesandten, die zu ihnen ge­schickt wurden“ übertragen wurde, lautet wörtlich, „ihre Gesandten“. Der Sünder Weigerung zu glauben wird im Text durch die Konstruktion wa-ma kanu li-yu’minu zum Ausdruck gebracht.

[4] Dieses – dem Propheten in den Mund gelegtes Argument – hat zweifache Bedeutung. Seit seiner frühen Jugend war Muhammad für seine Aufrichtigkeit und Redlichkeit in solchem Ausmaß bekannt, dass ihm seine mekkanischen Mitbewohner den Beinamen Al-Amin („der Vertrauenswürdige“) gaben. Zusätzlich hat er niemals eine einzige Zeile gedichtet (und das im Gegensatz zur weit verbreiteten Mode unter den Arabern seiner Zeit), noch hat er sich jemals durch besondere Redegabe ausgezeichnet. „Wie also“, lautet das Argument, „könnt ihr eure vorgängige Überzeugung einer lebenslangen Erfahr­ung damit vereinen – dass Muhammad nicht zu lügen vermochte – mit dieser eurer jetzigen Behauptung, er selbst hätte diesen Qur’an erdichtet und ihn fälschlicherweise eine göttliche Offenbarung genannt? Und wie könnte er, der bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr keinerlei poetische oder philosophische Begabung zeigte und als völlig ungelehrt (ummi) galt, ein solch eindringliches Werk an vollkommener Sprache, psycho­logischer Einsicht und überzeugender innerer Logik wie den Qur’an schaffen?

Der Vers 16 verweist vielmehr auf den ABSOLUTEN WILLEN Gottes. Ein Hinweis auf die absolute (von allem und jedem unabhängige) Gültigkeit jeder einzelner Seiner Willensäußerungen, welche NIEMALS zurückgenommen werden oder zurückgenommen werden müssten! Warum auch? Genauer gesagt wurden auch die Torah und die Evangelien nicht „zurückgenommen“, sondern wurden abgelöst, in erster Linie WEIL sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen Originalität weitergegeben wurden und daher ihre Segenskraft nicht mehr wie gottgewollt in aller Kraft vermitteln konnten. Oder anders gesagt, wurde die Rechtsverbindlichkeit dieser Offenbarungen, wie sie uns heute noch vorliegen, abrogiert.

Der nächste Vers, der als Beleg herangezogen wird lautet:

16: 101
Und nun, da Wir eine Botschaft durch eine andere 5 ersetzen – da Gott vollständige Kenntnis hat von dem, was Er Schritt für Schritt herabsendet 6 – pflegen sie [welche die Wahrheit leugnen] zu sagen, „Du hast sie nur erfunden!“ Aber nein, doch die meisten von ihnen begreifen das nicht!

5D.h., indem die Botschaft des Qur’ans frühere göttliche Verfügungen substituiert – und nicht, wie einige Gelehrte behaupten, einen Qur’anvers durch einen anderen „aufhebt“. (Was die unhaltbare Lehre der „Abrogation“ in zweitem Sinn betrifft, siehe Sure 2:106 und die entsprechende Anmerkung dazu; siehe auch die Anmerkung zu 41:42.)

[5] D.h., sie verstehen das Erfordernis für eine neue Verfügung nicht und verstehen daher den Qur’an nicht wirklich.

 

6 D.h., die schrittweise Offenbarung (in der Verbalform yunazzil impliziert) entspricht Gottes Plan, innerhalb dessen Er dem Menschen Seinen Willen schrittweise eröffnet, eine göttliche Verfügung durch eine andere, je nach der Menschen intellektueller und sozialer Entwicklung ersetzt und mit der Botschaft des Qur’an den Höhepunkt setzt.

Darüber hinaus kann ganz leicht, wie selbstverständlich – ohne nach einem „Erfordernis“ der Abrogation zu verlangen – dies „schrittweise“ Herabkommen nicht nur auf die über die Jahrhunderte langen, weiten Schritte bezogen werden, welche eine Botschaft (Thora), von einer anderen (den Evangelien) und zur nächsten (dem Qur’an) – vom Alten Testament zum Neuen Testament bis zum Letzten Testament – trennen, sondern natürlich auch auf die schrittweise Herabsendung der einzelnen Abschnitte des Qur’an!

Der Unterschied zwischen diesen Herabsendungen liegt eben und doch darin, dass die Herabsendung des Qur’an EINE EINZIGE, VOLLKOMMENE und VOLLSTÄNDIGE ist, welche eben ihre ursprüngliche Reinheit und Originalität NICHT aufgrund zeitlicher oder anderer Korruption verloren hat!

Und weil sie eben eine EINZIGE ist (auch wenn sie nicht auf EINMAL herabgesandt wurde), die ihre EINHEIT und VOLLSTÄNDIGKEIT nur und ERST durch die absolute Berücksichtigung des ERSTEN offenbarten Verses bis zum LETZTEN Vers begründet, ist hier die differenzierte Lesung von 16: 101 ein selbstverständliches Erfordernis und keine Begründung dafür Abrogation abzuleiten. Noch dazu, wenn man die (eigentlich selbstredende) EINHEIT und VOLLSTÄNDIGKEIT der qur’anischen Offenbarung dabei berücksichtigt.

Und hier wieder der Kontext.

16: 98
NUN, wann immer es geschieht, dass ihr diesen Qur’an lest, nehmt bei Gott

Zuflucht vor dem Satan, dem Verfluchten. [6]
16: 99
Wisset, er hat keine Macht über jene, welche zum Glauben gelangt sind und in ihren Erhalter ihr Vertrauen legen:

16: 100
er hat nur Macht über jene, die ihm zu folgen willig sind, [7] und der ihm [dadurch] einen Anteil an Gottes Göttlichkeit zuschreibt. [8]
16: 101
Und nun, da Wir eine Botschaft durch eine andereersetzen – da Gott vollständige Kenntnis hat von dem, was Er Schritt für Schritt herabsendet– pflegen sie [welche die Wahrheit leugnen] zu sagen, „Du hast sie nur erfunden!“ Aber nein, doch die meisten von ihnen begreifen das nicht!

16: 102
Sprich: „Heilige Eingebung [9] hat ihn von deinem Erhalter in Abschnitten herab gebracht, in Darlegung der Wahrheit, damit er den Menschen Festigkeit verleihen möge, welche zum Glauben gelangt sind und um Rechtleitung und eine frohe Botschaft all jenen zu bringen, welche sich selbst Gott ergeben haben.“

[6] Vorliegender Abschnitt (Verse 98-105) schließt offensichtlich an die weiten ethischen Ausführungen in Vers 90 oben an, und somit auf die Feststellung (in Vers 89), dass der Zweck des Qur’an ist, „Schritt für Schritt, alles klar zu machen, und um Rechtleitung und Gnade und eine frohe Botschaft all jenen zu bescheren, die sich selbst Gott ergeben haben“ – was wiederum impliziert, dass der Qur’an die ultimative Quelle aller Gott gewol­lten ethischen und moralischen Werte ist und somit ein unveränderlicher Maßstab für gut und böse. Doch da der Mensch stets aufgrund seiner Natur geneigt ist, die Gültigkeit moralischer Standards zu hinterfragen, die durch Offenbarung festgelegt sind, wird der Gläubige nun aufgerufen, immer wenn er die göttliche Schrift liest und über sie nach­denkt, Gottes spirituellen Beistand gegen die Einflüsterungen dessen zu suchen, das der Qur’an den „verfluchten Satan“ beschreibt – d.h., all jene bösen Mächte, sowohl in der Seele des Menschen selbst, wie auch innerhalb seines sozialen Umfelds, die darauf abzie­len, seine moralischen Überzeugungen zu unterminieren und ihn von Gott weg führen.

[7] Oder: „welche ihn zu ihrem Meister machen“. Vergl. in diesem Zusammenhang 14:22 und die entsprechende Anmerkung dazu.

[8] D.h., insofern, als sie solchen schmeichelhaften Dingen, wie Reichtum, Macht, soziale Rangstellungen, usw., fast gottesdienstliche Verehrung zukommen lassen.

[9] Wie an drei weiteren Stellen, an welcher der Ausdruck ruh al-qudus vorkommt (2:87 und 253 und 5:110), übertrage ich ihn hier auch mit „heiliger Eingabe“ (siehe die zweite Anmerkung zu Sure 2:87 ein Ausdruck, der meiner Meinung nach im Qur’an ein Synonym für „göttliche Offenbarung“ ist. Allerdings ist eine wörtliche Übertragung mit „Geist der Heiligkeit“ auch möglich, wenn jemand diesen Begriff auf den Engel bezieht, der Gottes Offenbarung Seinen Propheten mitteilt (siehe auch Vers 2 dieser Sure und die entsprechende Anmerkung dazu).

Es liegt überhaupt keine Schwierigkeit darin zu erkennen, dass die Wortwahl in Vers 101, „eine durch eine andere Botschaft ersetzen“ sich auf die „jüdische“ und „christliche“ VOR-QUR’ANISCHE Offenbarungsversionen bezieht, da die Kafirun dem Propheten ja nicht aufgrund eines EINZELNEN offenbarten qur’anischen Verses den Vorwurf machen, etwas „erfunden“ zu haben, sondern weil sie aufgrund der ihnen vorliegenden „Zeichen (ayat)„, „Botschaften (ayat)„, also den biblischen Versionen, KEINERLEI Veranlassung sehen möchten, dass diese durch die bislang vorliegende, GESAMTE „muhammadanische“, qur’anische Offenbarung ersetzt und abrogiert werden sollte oder gar müsste, weil von Gott so bestimmt!

Und wenn man diesen Vers als Beleg für die Statthaftigkeit der Abrogation verwenden wollte, müsste er unmittelbar auf einen Vers folgen, der als abrogiert gilt.

Der nächste Vers, der für die Untermauerung der Abrogation herangezogen wird, lautet:

17: 86
Und wenn Wir so gewollt hätten, könnten Wir wahrlich was immer Wir dir offenbart haben, hinweg nehmen, und in diesem Zustand [der Bedürftigkeit] könntest du niemanden finden, der vor Uns für dich fürspräche.
[10]

[10] Wörtl., „dein Beschützer gegen [oder „vor“] Uns zu sein“ – d.h., „dich mit anderer Art der Rechtleitung zu versorgen“: eine Anspielung auf die Tatsache, dass göttliche Rechtleitung die einzige Quelle der Ethik im absoluten Sinn des Wortes ist. Das „hinweg nehmen“ der Offenbarung bedeutet dessen Entfremdung von den Herzen und dem Gedächtnis der Menschen, wie auch dessen Verschwinden in Schriftform.

Abgesehen von der Interpretation Muhammad Asads (siehe Fußnote 10) der das „hinweg nehmen“ mit einer Hinwegnahme der Offenbarung aus dem HERZEN erklärt, sollte doch bemerkt werden, dass dieses „hinweg nehmen“ mit dem Zustand des „ohne Fürsprache Bleibens“ zu verknüpfen ist.

Und will man nun tatsächlich behaupten, dass die Hinwegnahme EINES Verses, also die Abrogation EINES und/oderanderen Verses, Muhammad (asws) OHNE Fürsprache beließe?

Was wenn JA – was wenn NEIN? So oder so – ein Argument gegen oder für die Abrogation?

Bedenken denn die Befürworter der Abrogation, dass sie durch ihre Annahme und Befürwortung der Abrogation den Propheten in den Zustand der Fürsprachslosigkeit versetzten!
Darüber hinaus ist das Wort „WENN“ und der Konjunktiv im Satz, „wenn Wir es gewollt hätten“ mehr als deutlicher Hinweis darauf, dass dieses Hinwegnehmen eben NICHT stattfand oder findet!

Daher ist doch aus diesen obigen Zeilen vielmehr zu verstehen, dass die Wegnahme, das Auslöschen der OFFENBARUNG an SICH hier angesprochen und zu verstehen ist!
Wobei es ganz unerheblich bleibt, ob nur ein Vers der qur’anischen Offenbarung oder mehrere oder die gesamte Offenbarung gemeint ist oder sein könnte, weil durch solche „Hinwegnahme“ das Prophetentum, resp. der Anspruch darauf ganz GRUNDSÄTZLICH ad absurdum geführt wird. Und dies erst recht, wollte der Prophet Muhammad (asws) nach der Hinwegnahme eines Verses durch Gott auf seine Gesandtschaft bestehen!

Hier wieder der Kontext:

17: 85
UND SIE werden dich über die [Natur] göttliche[r] Eingebung befragen. [11] Sprich: „Diese Eingebung [kommt] auf Geheiß meines Erhalters; und [ihr könnt deren Natur nicht verstehen, O Menschen, denn] euch ist wenig [wirkliches] Wissen darüber gegeben.“

17: 86
Und wenn Wir so gewollt hätten, könnten Wir wahrlich was immer Wir dir offenbart haben, hinweg nehmen, und in diesem Zustand [der Bedürftigkeit] könntest du niemanden finden, der vor Uns für dich fürspräche.

17: 87
Nur durch deines Erhalters Gnade [bist du verschont]: wisse, Seine Gunst gegen dich ist wirklich groß!

[11] Für diese Interpretation des Begriffs ruh, siehe die Anmerkung zu Sure 16:2. Einige der Kommentatoren sind der Meinung, dass er sich hier besonders auf die Offenbarung des Qur’ans bezieht; andere verstehen darunter die „Seele“, besonders die Seele des Menschen. Diese Interpretation ist allerdings nicht überzeugend, weil sich der vorige, wie auch der nächste Vers sich ausdrücklich auf den Qur’an beziehen und daher auf das Phänomen göttlicher Offenbarung.

Im Vers 87 wird auch noch explizit auf die GNADE und GUNST Gottes hingewiesen (den Propheten vor solchem Zustand, der durch die Hinwegnahme bedingt würde, zu verschonen). Denn zweifellos besteht ja die Gunst Gottes gegenüber dem Propheten nicht darin, den einen oder anderen Vers der Abrogation, der Nichtigerklärung anheimzustellen!

Wer will diesen Zusammenhang nach diesen Darstellungen weiterhin ernsthaft den Bezug zu einer Abrogationherstellen oder den Anspruch aufrecht erhalten – und mit WELCHEN Argumenten?

Das möchte mich wirklich interessieren, da mein Interesse der RECHTLEITUNG und nicht der IRREFÜHRUNG durch mich und meiner eigenen Argumentation gilt!

Weiter im Text:

87: 6
WIR WERDEN dich lehren, und du wirst nichts vergessen [von dem was du gelehrt wurdest],

87: 7
außer dem, was Gott will [dass du vergisst] – denn wahrlich, Er [alleine] weiß, was der Erfahrung [des Menschen] offen steht, wie auch das, was [ihr]
verborgen ist [12]

[12] D.h., all das, was sich wirklich außerhalb menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit befindet (al-ghayb): die Implikation ist, da menschliches Wissen immer unvollkommen bleiben muss, kann der Mensch seinen Weg durchs Leben nicht ohne die Hilfe göttlicher Offenbarung finden.  

Die klassischen Kommentatoren gehen davon aus, dass obige Worte speziell an den Propheten gerichtet sind, und dass dieses „unterrichten” sich auf den Qur’an bezieht und auf das Versprechen, dass er nichts davon vergessen werde, „außer, dem, was Gott will [dass du vergisst]“.

Diese letzte Floskel hat den Kommentatoren schon immer große Schwierigkeiten bereitet, insofern, als es nicht recht einsichtig ist, warum Er, der dem Propheten den Qur’an offenbart, ihn dann wieder etwas davon vergessen machen will. Aus diesem Grund wurden bis in unsere Tage hinein, viele, nicht sehr überzeugende Kommentare diesbezüglich abgegeben, wobei die letzte Zuflucht der verwirrten Kommentatoren die am wenigsten überzeugende ist, die „Lehre von der Aufhebung“ (die von mir in Anmerkung 87 zu 2:106 verworfen wurde). Jedenfalls löst sich die Schwierig­keit der Interpretation auf, wenn wir uns zu realisieren gestatten, dass obige Passage, wenn sie auch vorgeblich an den Propheten gerichtet ist, an die Menschen ganz allgemein adressiert ist, und dass sie eng an eine frühere Offenbarung anknüpft – nämlich an die ersten fünf Verse von Sure 96 („Die Keimzelle“) und da besonders an die Verse 3-5, wo Gott davon spricht, den „Menschen etwas gelehrt zu haben, was er nicht wusste“. In Anmerkung 3 zu diesen Versen habe ich meine Auffassung zum Ausdruck gebracht, dass sie ganz allgemein auf den akkumulativen empirischen und rationalen Wissenserwerb, der von Generation zu Generation, Zivilisation zu Zivilisation vollzogen wird, abzielen. Und auf genau dieses Phänomen ist auch dieser Abschnitt gemünzt.

Uns wird gesagt, dass Gott, der den Menschen in Übereinstimmung mit den, für ihn bestimmten Anforder­ungen geformt und versprochen hat, ihn rechtzuleiten, ihn befähigen wird (und ihm „einge­ben“ wird) Elemente des Wissens zu erwerben, welche die Menschheit sammeln, aufzeichnen und „kollektiv“ erinnern wird – außer das, was Gott sie „vergessen“ lässt (mit anderen Worten, „aufgeben lässt“), da es aufgrund seiner neuen Erfahrung und der Aneignung weiterer, differenzierter, empirischer, abgeleiteter oder erdachter Wissens­elementen und ausgefeilterer Fertigkeiten überflüssig geworden ist. Und der nächste Satz macht klar, dass alles Wissen, das wir über die Beobachtung unserer äußeren Welt und durch Überlegung bekommen, wenn es auch notwendig und höchst wertvoll ist, es dennoch definitiv in ihrem Geltungsbereich begrenzt ist, und daher, aus sich heraus, nicht ausreicht, uns Einsicht in letzte Wahrheiten zu vermitteln.
 (Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, dass das arabische Wort „insan“ (Mensch) ganz grundsätzlich ein Wesen bezeichnet, welches „vergisst“! MMH)

und hier der Kontext

87: 8
und [so] werden wir dir den Weg zur [endgültigen] Behaglichkeit [letzten Ruhe; MH] leicht machen. [13]
87: 9
ERINNERE, DANN [andere an die Wahrheit] ob diese Erinnerung gebraucht [zu] werde[n] [scheint oder nicht]:[14]
87: 10
in Erinnerung trägt sie der, welcher in Ehrfurcht [vor Gott] steht,

87: 11
doch abseits von ihr, wird der übelste Schuft verharren,

87: 12
der im [nächsten Leben] großes Feuer zu ertragen haben wird,

87: 13
in welchem er weder sterben, noch am Leben bleiben wird.[15]

[13] D.h., in Richtung zu geistigem und seelischem Frieden.

[14] So Baghawi, wie auch Razi in einer seiner alternativen Interpretationen dieser Phrase.

[15] D.h., als Konsequenz, von der göttlichen Erinnerung fern geblieben zu sein. (Vergl. 74:28-29.)

Und was bedeutet, „du wirst NICHTS VERGESSEN“ – „außer dem, was Gott will“?

Jedenfalls heißt es keinesfalls, dass Muhammad (saws) eine Offenbarung vergisst, vergaß oder auf den Wunsch Gottes vergessen hätte, WEIL die fälschlicherweise als Abrogationsverse bezeichneten Offenbarungen ja doch Aufnahme in den qur’anischen Textkörper gefunden haben!
Daher hat Muhammad (asws) sie eben NICHT vergessen, weil Gott eben nie gewünscht hatte, dass sie vergessen, ausgelöscht, ersetzt, abrogiert oder dergl. werden sollten!

Zusätzlich zu Muhammad Asads Interpretation erlaube ich mir darauf hinzuweisen – dass der Prophet ja auch eine andere Art von Offenbarungen vom Allerhöchsten erhielt, die KEINE Aufnahme in den qur’anischen Text erfuhren … z.B. die berühmten Hadith Quddsi.

Somit ist es auch nicht ausgeschlossen, dass es auch noch eine weitere Art der „vergessenen“ Offenbarung gab – nämlich eine solche, die im Unterbewusstsein des Propheten verankert wurde und ihn solcherart tatsächlich nicht nur auf bewusster, sondern auf ganzheitlicher Ebene zu einem „wandelnden Qur’an“ machten, wie uns dies von A’isha (ra) überliefert wurde.

Zum Abschluss noch der Hinweis auf folgende Verse:

41: 41
Wahrlich, jene, welche beharrlich die Wahrheit dieser Mahnung leugnen, sobald diese zu ihnen kommt – [sie sind die Verlierer]: denn, siehe, sie ist eine erhabene göttliche Schrift:

41: 42
keine Falschheit kann sich ihr nähern, weder offen, noch auf geheime Weise, 16

41: 43
[Und was dich anlangt, O Prophet] nichts wird zu dir gesprochen, außer was zu allen Propheten [Gottes] vor deiner Zeit gesprochen wurde.17 Siehe, dein Herr ist voll der Vergebung – doch hat Er auch die Macht, höchst schmerzlich zu vergelten!

16 Wörtl., „weder von zwischen ihren Händen, noch von hinten”, d.h. sie kann nicht offen durch Hinzufügung oder Auslassung abgeändert werden (Razi) und auch nicht verstohlen, durch feindselige oder absichtlich verwirrende Interpretationen. Auf obigem Abschnitt gründet der große Kommentator Abu Muslim al-Isfahani (zitiert von Razi) seine absolute Zurückweisung der „Abrogations Theorie“ (dazu siehe Anmerkung zu 2:106). Da die Abrogation irgend eines Qur’an Verses zu seiner ibtal geführt hätte – was bedeutet hätte, dass er ganz offen oder durch Rückschluss von nun an als null und nichtig aufgefasst werden müsste – also der Vers als „falsch“ (batil) in der uns vorliegenden qur’anischen Form verstanden werden müsste: und das, wie Abu Muslim ausführt, würde obiger Feststellung, dass „keinerlei Falschheit (batil) ihn erreichen kann“ klar widersprechen.

17 Dies ist eine Anspielung auf die Unterstellung der Feinde des Propheten, dass er selbst der „Autor” dessen wäre, von dem er beanspruchte, dass es eine göttliche Offenbarung sei; wie auch auf ihre Forderung, dass er als „Beweis“ der Authentizität seines prophetischen Auftrags ein Wunder vollbringen solle: eine höhnische Haltung, mit welcher sich alle früheren Propheten auch von Zeit zu Zeit konfrontiert sahen, und welche in Vers 5 dieser Sure durch das Sprechen der Ungläubigen kurz dargestellt wird.

Ist diesen Erläuterungen wirklich noch etwas hinzuzufügen?

WER und WAS sind also jene, welche die WAHRHEIT und absolute Gültigkeit JEDES – oder auch nur eines einzelnen Verses leugnen?

Noch dazu, wenn sich die geleugneten = abrogierten Verse mehr oder weniger im Einklang mit den Botschaften früherer Offenbarungen befinden – wie obiger Vers belehrt!

Nun – DAS musste ich einmal klar gesagt haben, bevor ich diese Dunya verlasse!

Und Allah weiß es am besten!

MMH 3/14

 

 

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4 Gedanken zu „WIDER den WIDERSINN der ABROGATION im QUR’AN

  1. Sumaya M. W.

    Vielleicht ist es allgemein an der Zeit, sich von linearem, ursächlich aufgebautem „Schritt für Schritt – Denken“ zugunsten einer eher „runden“, ganzheitlich aufgebauten Weltbetrachtung ein Stück weit loszusagen. Eine Sichtweise, die dem eigentlichen Islam durchaus innewohnt!

    Antwort
  2. Sumaya Angelina Mohamed Wegenstein

    As Salamu aleikum wR wB

    Jetzt finde ich es „rund“ – und auch gut, dass das Thema aufgegriffen wurde! Gratulation!

    Der Groll ist ja wirklich noch ganz abgeklungen – ma sha Allah… 😉

    Salam wa Rahmatullahi Sumaya

    Von meinem IPad gesendet

    Antwort
  3. Pingback: INHALTSANGABE der BEITRÄGE | ISLAM HEUTE

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