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OFFENER Brief an Mouhanad KHORCHIDE

Lieber Mouhanad Khorchide

Vielversprechend ist Titel Deines Buches, „Islam ist Barmherzigkeit“ – umso ernüchternder die Lektüre! Deine Herangehensweise an dieses höchst gehaltvolle, zentrale Thema unseres Glaubens ist für die grosse Mehrheit der Muslime nicht nur enttäuschend sondern empörend und das dürfte Dir klar sein. Empörend deshalb, weil Du – und das in Deiner Funktion als Dozent an einer Uni und als Ausbildner von Religionslehrern – für ein Muslimsein einstehst, das sich nicht nur von sehr vielem loszusprechen sucht, was die Gelehrten der Vergangenheit erarbeitet haben, sondern ebenso vom Kern von Qur’an und Sunna. Du trittst ein für einen „Islam“ ohne Zähne und Knochen, ein schwammiges Gebilde ohne jeden Halt, seiner Substanz entledigt.

Du bringst zunächst einfach alles durcheinander, was die Gelehrten der Vergangenheit – unter ihnen gewiss viele, denen wir heutige Muslime was Gottesfurcht, Menschenkenntnis und – freundlichkeit sowie ganzheitliche Ausgewogenheit anbelangt nicht das Wasser reichen können – erarbeitet und Muslime gelebt, empfunden und praktiziert haben. Die Aqida al Ascharis sei fehlerhaft, weil sie die Barmherzigkeit Gottes trotz ihrer immer wiederkehrenden Erwähnung im Qur’an, nicht als Wesensattribut Gottes bezeichnet. (Warum aber werden dann alle anderen „Namen“ und „Eigenschaften“ Allahs taala nicht auch als Wesensattribute gesehen?) Von der Scharia soll nicht mehr als die fünf Säulen und „religiöse Gebote, die vom gesellschaftlichen Wandel unabhängig sind, wie die Speisevorschriften im Koran“ übrigbleiben. (S 149) Ja, die Scharia stehe gar, als „juristisches System verstanden in klarem Widerspruch zum Islam….da es nicht Aufgabe von Religionen…. ist, Gesetze zu erlassen“ (S. 116 sowie auch 144) und schon ganz zu Anfang Deines Buches erstellst Du eine Aufspaltung zwischen einer „juristischen Beziehungsebene zu Gott“ (derjenigen des Gehorsams) versus der auf „Liebe und Vertrauen“ gründenden Ebene und suggerierst, es gehe um Entscheidung zwischen diesen beiden. Warum? Ist es nicht möglich, BEIDES zu berücksichtigen, gibt es wirklich nur die Möglichkeit, sich zu entscheiden zwischen sklavischem, unreflektiertem, unbeseeltem Gehorsam, der „die religiösen Rituale auf Pflichterfüllung reduziert und der menschlichen Fitra die Möglichkeit ihrer Entfaltung nimmt“ (S 107) einerseits oder andererseits einer Beziehung „wie die zwischen einer Mutter und ihrem Kind“ (S. 145) innerhalb derer man sich „in den Händen Gottes fallen lassen“ kann (S 33)? Meinst Du nicht, dass dies eine sehr unausgereifte Sichtweise ist, die, vereinfacht gesagt, darauf hinausläuft, die „väterliche Ebene“ aus dem Spiel zu lassen und der Sinnhaftigkeit eines wohlreflektierten, aktiven, von Liebe getragenen Gehorsams durch den alleine nämlich unser verantwortliches Handeln in der Welt gewährleistet bleibt und der durchaus auch die „dialogische Beziehung zu Gott“ beinhalten kann, den Wert abzusprechen? Ist es nicht eine unglaubliche Frivolität, menschengemachten Gesetzen dasselbe Potential an möglicher Gerechtigkeitsfindung zuzuschreiben wie göttlichen Geboten? (S 119: „Jedes Gesetz, das dem Prinzip der Gerechtigkeit gerecht wird, entspricht dem, was Gott hinabgesandt hat, auch, wenn es nicht die Überschrift „muslimisch“ trägt …“)

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