OFFENER Brief an Mouhanad KHORCHIDE

Lieber Mouhanad Khorchide

Vielversprechend ist Titel Deines Buches, „Islam ist Barmherzigkeit“ – umso ernüchternder die Lektüre! Deine Herangehensweise an dieses höchst gehaltvolle, zentrale Thema unseres Glaubens ist für die grosse Mehrheit der Muslime nicht nur enttäuschend sondern empörend und das dürfte Dir klar sein. Empörend deshalb, weil Du – und das in Deiner Funktion als Dozent an einer Uni und als Ausbildner von Religionslehrern – für ein Muslimsein einstehst, das sich nicht nur von sehr vielem loszusprechen sucht, was die Gelehrten der Vergangenheit erarbeitet haben, sondern ebenso vom Kern von Qur’an und Sunna. Du trittst ein für einen „Islam“ ohne Zähne und Knochen, ein schwammiges Gebilde ohne jeden Halt, seiner Substanz entledigt.

Du bringst zunächst einfach alles durcheinander, was die Gelehrten der Vergangenheit – unter ihnen gewiss viele, denen wir heutige Muslime was Gottesfurcht, Menschenkenntnis und – freundlichkeit sowie ganzheitliche Ausgewogenheit anbelangt nicht das Wasser reichen können – erarbeitet und Muslime gelebt, empfunden und praktiziert haben. Die Aqida al Ascharis sei fehlerhaft, weil sie die Barmherzigkeit Gottes trotz ihrer immer wiederkehrenden Erwähnung im Qur’an, nicht als Wesensattribut Gottes bezeichnet. (Warum aber werden dann alle anderen „Namen“ und „Eigenschaften“ Allahs taala nicht auch als Wesensattribute gesehen?) Von der Scharia soll nicht mehr als die fünf Säulen und „religiöse Gebote, die vom gesellschaftlichen Wandel unabhängig sind, wie die Speisevorschriften im Koran“ übrigbleiben. (S 149) Ja, die Scharia stehe gar, als „juristisches System verstanden in klarem Widerspruch zum Islam….da es nicht Aufgabe von Religionen…. ist, Gesetze zu erlassen“ (S. 116 sowie auch 144) und schon ganz zu Anfang Deines Buches erstellst Du eine Aufspaltung zwischen einer „juristischen Beziehungsebene zu Gott“ (derjenigen des Gehorsams) versus der auf „Liebe und Vertrauen“ gründenden Ebene und suggerierst, es gehe um Entscheidung zwischen diesen beiden. Warum? Ist es nicht möglich, BEIDES zu berücksichtigen, gibt es wirklich nur die Möglichkeit, sich zu entscheiden zwischen sklavischem, unreflektiertem, unbeseeltem Gehorsam, der „die religiösen Rituale auf Pflichterfüllung reduziert und der menschlichen Fitra die Möglichkeit ihrer Entfaltung nimmt“ (S 107) einerseits oder andererseits einer Beziehung „wie die zwischen einer Mutter und ihrem Kind“ (S. 145) innerhalb derer man sich „in den Händen Gottes fallen lassen“ kann (S 33)? Meinst Du nicht, dass dies eine sehr unausgereifte Sichtweise ist, die, vereinfacht gesagt, darauf hinausläuft, die „väterliche Ebene“ aus dem Spiel zu lassen und der Sinnhaftigkeit eines wohlreflektierten, aktiven, von Liebe getragenen Gehorsams durch den alleine nämlich unser verantwortliches Handeln in der Welt gewährleistet bleibt und der durchaus auch die „dialogische Beziehung zu Gott“ beinhalten kann, den Wert abzusprechen? Ist es nicht eine unglaubliche Frivolität, menschengemachten Gesetzen dasselbe Potential an möglicher Gerechtigkeitsfindung zuzuschreiben wie göttlichen Geboten? (S 119: „Jedes Gesetz, das dem Prinzip der Gerechtigkeit gerecht wird, entspricht dem, was Gott hinabgesandt hat, auch, wenn es nicht die Überschrift „muslimisch“ trägt …“)

Weiterlesen:

Du wirfst der Gelehrtenschaft der Vergangenheit pauschal vor, nur den Glauben, nicht aber das Handeln als relevant angesehen zu haben – eine der infamsten Verdrehungen Deines Buches, da dies den Eindruck erweckt, „traditionelle“ Muslime betrachteten die reine Zugehörigkeit zum Islamischen Glauben als ausreichend für eine Art „Garantie für Seligkeit im Jenseits“ – sowie als „Freibrief“ für beliebiges Handeln. Eine katastrophale (suggestive) Darstellung des „muslimischen Standpunktes“ für die heutige Auseinandersetzung mit nichtmuslimischen Kreisen und fast nicht vorstellbar, dass Du nicht weisst, was der Kontext war, innnerhalb dessen dem Glaubens (Iman) alleine eine dermassen zentrale Stellung zugeordnet wurde, nämlich die INNERMUSLIMISCHE Abgrenzung gegenüber denen (Khawaridsch und Mu’tazila), die behaupteten, ein Sünder wäre vom Islam abgefallen („Kafir“ oder „Manzil bainal Manzilatain“). Einzig in diesem Kontext wurde so argumentiert und ganz gewiss haben Muslime sich nie, weder in Theorie noch in der Praxis, von einem, am Glauben festgemachten, verantwortungsvollen Handeln losgesagt! Das Handeln auf Basis des „Amr bil Ma’ruf wa Nahyi anil Munkar“ – dem Gebieten des Guten und der Abwehr des Übels – auf Basis von Qur’an und Sunna war immer schon Zentrum allen Denkens und Handelns der Muslime sowie auch ihrer Gelehrten – unverständlich und unglaublich diese Fehldarstellung! (u.a. S. 145-150)

Eine weitere perfide, in Deinem Buch immer wiederkehrende Unterstellung an die Muslimische Gelehrtenschaft ist die angebliche Ausserachtlassung des historischen Kontext der Qur’anischen Offenbarung. Wie kommst Du darauf, dass erst Dir diese Notwendigkeit eingefallen sei? Es war, wie Du unbedingt wissen müsstest, immer schon eines der wichtigsten Anliegen der muslimischen Gelehrten, diesen Kontext auf richtige Weise zu erfassen und zu interpretieren und ohne es genau zu wissen, würde ich annehmen, dass z. B. die Wissenschaftler (vor allem des „Fiqh“ – Verständnis des Zusammenhangs der islamischen Aussagen, auch Grundlage für „Fatwas“- sowie Usul al Fiqh“- Verständnis der „Wurzeln des Fiqh“ – ) dieses Thema in hunderten, gar tausenden von Schriften behandelt haben! Nie haben sich Muslime von solch einem Vorgehen distanzieren wollen – abgesehen vielleicht von einigen Repräsentanten der „modernistischen“ Salafistischen Ausrichtung. Deine Herangehensweise jedoch will, so wie es mir aus Deinem Buch entgegenkommt, nicht den historischen Konsens richtig verstehen und auswerten, sondern will eine im höchsten Masse undifferenzierte und fahrlässige Anpassung an Gegebenheiten der heutigen Zeit, welche an sich schon – aus muslimischer Perspektive – einem schwachen Iman und einer damit einhergehenden Missachtung Islamischer Gebote (z. B. auf wirtschaftlicher Ebene) auf dem Fuss gefolgt sind. Glaubst Du wirklich, dass Du dem Islam, dessen „Aushöhlung“ Du „seit Mu’awwiyya“ feststellst, (S. 212) durch Deine Art der Diskreditierung aller in der Vergangenheit unternommener Anstrengung, Missachtung zentraler islamischer Prizipien und des undifferenzierten Herabschraubens und Nivellierens der muslimischen Inhalte auf ein konturloses, menschenzentriertes, rein esoterisch gehandhabtes Gebilde wieder Fülle zu geben vermagst? Obwohl Du auf Seite 81 bekundest: „Religion darf nicht auf ihre ethische Funktion reduziert werden..“! Aber genau das versuchst Du doch – siehe S. 117: „der …Mensch, den der Islam anstrebt, sieht sein Menschsein dann verwirklicht, wenn er sich immer für das Gute entscheidet und immer das Gute will…. (Oh, was für ein Mensch…. eine Art „Übermensch“, „Gottmensch“ gar…?! Astaghfirullah, Gott verzeih…)
Ich frage mich an dieser Stelle, inwieweit Du wirklich glaubst, dass der Wahhabitische bezw. „Salafitische“ Ansatz, so wie Du ihn in Deiner Jugend kennengelernt hast und wie er Dich sicher zum Nachteil eines ganzheitlichen Islamverständnisses geprägt hat, eine Fortführung des „traditionellen Islam“ ist und ob Du wirklich nicht weisst, was der Ursprung dieser Bewegung war, nämlich die – übrigens mit bedeutender Unterstützung von Nichtmuslimen erfolgte – Erhebung GEGEN die „TRADITIONELLEN“ Muslime und im Zuge dessen und durch (in nur wenigen Fällen berechtigte) Klassifizierung vieler Gebräuche der Muslime als „Kufr“ und „Bida’a“ die Beschneidung des gesamthaften Islam um viele seiner bis zu jenem Zeitpunkt als essentiell und als dem ganzen Islam als zugehörig vorausgesetzte Bestandteile – u. a. die des Tasawwuf (Sufismus) der „Wissenschaft des Herzens“… Nur so wäre auch annähernd zu verstehen, dass Du dem „traditionellen Islam“ ganz allgemein die Fähigkeit absprichst, dem „Menschen Sinn für sein Leben (zu) geben, ihn an sein Menschsein zu erinnern, ihm aber auch die Möglichkeit (zu) bieten, eine Beziehung (zu) Gott aufzubauen“ (S 81). Nur so auch kann auch entfernt Dein Irrtum erklärt werden, dass zwischen den beiden Funktionen des Propheten (s.s.) als Gesandter einerseits und als Staatsoberhaupt andererseits „nicht unterschieden“ worden sei. Eine klare Falschaussage, abgeleitet vielleicht aus der Praxis jener genannten Kreise, aus dem Zusammenhang gerissene Einzelahadith als Handlungsimperativ auszulegen. Nur auf dieser Basis auch ist annähernd einsichtig, dass Du meinst, mit Deiner Auslegung von „Islam“ eine „islamische Theologie (zu) etablieren, die Muslime nicht nur geistig und politisch befreit sondern ihnen auch einen Zugang zu einer dialogischen Beziehung mit Gott verschafft… die nicht auf Angst basieren kann…“ Nun, auch dies gewiss eine gewaltige Überschätzung Deiner eigenen Vorstellungen sowie fundamentale Fehleinschätzung der Gesamtsituation.

Es gibt bestimmt einige ausgebildete Theologen, die die „wissenschaftliche“ Antwort auf Dein Buch viel professioneller geben können als ich, z. B. letzthin der Präsident der Schura Niedersachsen, Avni Altiner in der IZ: http://www.islamische-zeitung.de/?id=16740 und vor allem Prof. Mohammed Khallouk: http://islam.de/21972

Ich selbst möchte vor allem Sprachrohr für den „Durchschnittsmuslim“ fungieren und als solches komme ich hier zu meinem Hauptanliegen, nämlich dazu, die Ungeheuerlichkeit anzuprangern, dass Du die Liebe des Menschen zu Allah – erhaben ist ER über das, was Ihm beigesellt wird! – als seinem Herrn (RABB) sowie zu Seinem Gesandten – Allahs Friede und Barmherzigkeit sei auf ihm (obwohl Du umgekehrt der Liebe und Barmherzigkeit VON Gott zum Menschen ja hypothetisch grosse Relevanz zuschreibst) zur Bedeutungslosigkeit zu reduzieren bezw. die zentrale Stellung der DIENERSCHAFT des Menschen gegenüber Gott zu leugnen, diese zugunsten einer Menschenzentrierung „Islamischer Prinzipien“ zu eliminieren suchst – und damit das Innerste, die Essenz des Islam quasi „kaltzustellen“ wünschst! Audhu Billah!

Wie kannst Du es bloss wagen, unter vielen anderen die SO zentrale Ayat 51:56 schlichtweg zu leugnen, in der es heisst: Und Ich habe die Djinn und die Menschen zu NICHTS anderem geschaffen, als dazu, dass sie Mir dienen“!? Das gesamte islamische Verständnis hat hier seinen Kernansatz, hier ist das Herz des Muslims betroffen, hier beginnt und endet alles, was der Muslim glaubt, empfindet, weiss! Die Liebe zu ALLAH azzawajal ALS UNSEREM HERRN gepaart mit DEMUT (=Dienmut!) und Seinem Gesandten ist das Herzstück des Islam! Hat nicht Muhammad selbst immer wieder betont, dass er nichts anderes sei als ABD, Diener ALLAHS – willst Du vielleicht auch das abstreiten oder ihm – Friede sei mit ihm – sowie all den Awliyah, Gottesnahen, in Liebe zu Gott, ihrem HERRN Entflammten die Wirklichkeit der auf dieser Basis gründenden „dialogische Beziehung zu Gott“ absprechen?!? Subhana Allah und möge ER Seinen Segen über diese Menschen reichlich ausschütten und uns ihre Gesellschaft gewähren im Diesseits wie im Jenseits!
Hat nicht der Prophet – Friede und Segen sei auf ihm – gesagt: (überliefert durch Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm): „Ich schwöre bei Dem, in Dessen Hand mein Leben ist, dass keiner von euch sich als gläubig ansehen darf, bis seine Liebe zu mir stärker ist als seine Liebe zu seinem Vater und zu seinem Sohn.“Was für eine Herausforderung! Was für einen tiefen Glauben, was für ein Wissen um ALLAH selbst sowie um die Authentizität seines DIENERS und Gesandten Muhammad, Friede sei auf ihm – als Vermittler Seiner Wahrheit dies erfordert, das u. a. bestimmt auch weit darüber hinausgeht, Muhammad – s.s. als eine Art „bemühten Reformer“ zu sehen (S 126/127), der halt in der „medinesischen Phase“ auch noch als Politiker „so nach seinem eigenen Gutdünken“, wie man aus Deinen Ausführungen entnehmen könnte, eine (für damals halt) „verbindliche Gesellschaftsordnung zu verwirklichen“ (S 127) suchte…

Natürlich dürfte es Dir nicht schwer fallen, diese Ayat und auch den Hadith, so, wie du es mit anderen Ayats und Ahadith auch tust, leichtfertig vom Tisch zu wischen und tust dies auch, indem Du z. B. auf S 70 lapidar behauptest: „Wenn Gott grösser ist, als gedacht werden kann, kann er den Menschen nicht deshalb erschaffen haben, um vom Menschen verherrlicht zu werden…“ Aber – und Gott ist und bleibt dennoch hoch erhaben darüber, für Sich Selbst etwas zu „brauchen“, geschweige denn „Minderwertigkeitsgefühle“ zu haben – mit dieser Behauptung begehst Du ein kapitales Verbrechen am Islam! NICHTS ist mehr an seinem Platz, nichts kann mehr zu seinem ursprünglichen Gleichgewicht finden, wenn diese Dimension, dieses Verhältnis von uns Menschen zu unserem Schöpfer als von ABD zu RABB – Diener (Knecht!) zu Herrn geleugnet wird! Wie anders soll eine „dialogische Beziehung“ mit Gott sonst aussehen? Sind wir etwa „gleichgestellt“? Hoch erhaben ist ER darüber! Und WIE können wir item eine WIRKLICHE Beziehung zu Gott herstellen und pflegen, wenn wir nicht vom WIRKLICHEN Verhältnis von uns selbst zu IHM ausgehen und aus diesem heraus die Liebe zu IHM und Seinem Gesandten in unserem Herz aktivieren, aus ihr heraus zur Entfaltung gelangen, sie in unserem Handeln zum Ausdruck zu bringen und sie immer wieder über ALLES ANDERE in unserem Leben stellen?!
Was Du hingegen in Deinem Buch als „Liebe“ des Menschen zu Gott bezeichnest, wenn Du denn überhaupt von dieser sprichst, ist an Lauheit und Halbherzigkeit – jedenfalls innerhalb dessen, was sich noch als „religiöse Empfindung“ deklarieren will – nicht zu übertreffen und scheint letztendlich gar nichts anderes als unausgereiften Egozentrismus zu meinen. Den Menschen, der Gott als seinen „Herrn“ wahrnimmt und anbetet, beschreibst Du hingegen durchwegs als „unmündigen Befehlsempfänger“ (z. B. S 73) und hörst gleichzeitig nicht auf damit, Gott Selbst mit menschlichen Masstäben zu messen (S 73 und viele andere mehr…). Zwar stellst Du z. B. – bestimmt zutreffenderweise (auf S 108) fest, dass gewisse Menschen „es versäumt haben, ihre Herzen der Liebe und Barmherzigkeit zu öffnen“, nämlich diejenigen, die „religiöse Rituale auf Pflichterfüllung reduzieren… die voller Hochmut anderen ihren Glauben absprechen und über sie (an Gottes Stelle) richten …. in Diskussionen meist aggressiv und überheblich sind“… den Islam als „Kampfansage“ missbrauchen … „oft hassgeladen“ „überwiegend von der Hölle und dem Zorn Gottes“ sprechen, „in der Religion nur das sehen, was sie sehen wollen“… Du nennst es eine „aggressive Kampfansage gegen alle Andersdenkenden“ ich würde es eher als ein „illegitimes Machtinstrument“ im weitesten Sinn bezeichnen. Aber wenn Du über die notwendige Öffnung zur Liebe und Barmherzigkeit Gottes anstelle dieser Haltung sprichst, klingt es auf Gott bezogen immer überaus lax, es geht immer und immer nur um den Nutzen, der dem Menschen daraus auf rein menschlicher Ebene erwachsen könnte. So behauptest Du auf S 101 schlichtweg: „Die grösste Sünde, die der Mensch begehen kann, ist nicht die, die sich gegen Gott richtet, sondern die gegen seinen Mitmenschen! („…Gott ist und bleibt ja souverän…..“))Das tatsächliche „Fehlverständnis religiöser Praxis“ im Sinne einer mit Hochmut gepaarten alleinigen Beachtung „äusserlicher Zeichen und Rituale“ und im Gegenzug dazu die nötige Haltung der „Liebe und Barmherzigkeit“ auch „Demut und Bescheidenheit“…stellst Du in der Folge als alleine für den zwischenmenschlichen Austausch relevant dar! Wenn Du denn „Öffnung für die Liebe und Barmherzigkeit Gottes“ überhaupt in Erwägung ziehst, tust Du dies immer bloss als Mittel zum Zweck, nämlich zum Zweck der „Vervollkommnung des Selbst“. Diese zieht sich als roter Faden durch Dein Buch, wird als DIE Beschäftigung und Aufgabe des Menschen schlechthin dargestellt, unzählige Male, bis zum absoluten Überdruss des Lesenden wiederholt. So, wie Du diese „Vervollkommnung“ darstellst, ist sie dann auch wieder vorausgesetzte Primärursache um überhaupt in die „Gemeinschaft Gottes“ aufgenommen zu werden. Siehe z. B. S. 57: „Er“ (Gott, Allah t) „möchte, dass sich die Menschen in Freiheit vervollkommnen, um sie letztendlich in seine Liebe und Barmherzigkeit und in seine Gemeinschaft aufzunehmen.“ (Also erst, wenn sie „vollkommen genug“ sind?!) Oder auf S 66: „Zu diesem …Plan Gottes gehört sein Wille zur Integration des Menschen in seine Gemeinschaft. Voraussetzung dafür ist jedoch die Vervollkommnung des Menschen….“ S. 78: „Es entspricht dem Willen Gottes, dass der Mensch vollkommen wird, weil dies die Voraussetzung dafür ist, in die Gemeinschaft Gottes aufgenommen zu werden.“!… etc. etc. Die Ayat (den Qur’anvers) 62:2 sowie auch 3: 164 interpretierst Du um indem Du den Terminus „liyuzakihim“ (allgemein übersetzt mit: um sie zu LÄUTERN) einfach mit „um sie zu VERVOLLKOMMNEN“ übersetzt. Passt besser zu Deiner Theorie, der „Einladung zur Vervollkommnung“ (S 61).Ich muss Dich hier fragen: Könntest Du Dir nicht vorstellen, dass es genau umgekehrt ist: Dass nämlich unsere eigene „Vervollkommnung“ eine FOLGE unserer Liebe zu und demütigen Hingabe an ALLAH taala wäre?! Ein Geschenk Seinerseits im Gegenzug dazu, dass wir ALLES andere hintanstellen, alleine aus Liebe zu IHM, ohne dabei an irgendeinen Nutzen zu denken – so wie ein Kind liebt, ganz und bedingungslos? Und dass wir im Kern nur durch diese bedingungslose Liebe natürlich gepaart mit der entsprechenden inneren Haltung sowie dem aufrechten Handeln zu einer Art „Vervollkommnung“ gelangen können – die sich wiederum auf unsere Beziehungen zu den Menschen durchaus positiv und segensreich auswirken wird …

Du hingegen propagierst eine Haltung, die den Menschen dermassen ins Zentrum allen Geschehen setzt, dass er seine „dialogischen Beziehung zu Gott“ weit hintanstellen soll. Bürdest ihm die Last auf, selbst für seine „Vervollkommnung“ zu sorgen, durch „aufrichtige Handeln“ (S 153) seine eigene Seligkeit herbeizuführen… Ja, Du bringst auch die „akrobatische Leistung“ zustande, sogar die Gerechtigkeitsfindung von Göttlichen Geboten zu lösen um sie zunächst zu einer Angelegenheit des Menschen alleine zu deklarieren, trennst gleichzeitig des Menschen Heil auch vom nötigen Dienst an Gott – um das Zentrum „Mensch“ nicht zu „beeinträchtigen. Danach aber soll das nach diesem Eigenermessen entstandene „gute Handeln“ nach den selbst erfundenen „gerechten“ Gesetzen doch wiederum für des Menschen ewiges Heil und seine Aufnahme in „Gottes Gemeinschaft“ sorgen …. Eine wirklich seltsame Sichtweise … ich sehe gar nicht, wo hier noch Qur‘ an und Sunna, wo die Offenbarungen ihren „Platz einnehmen“sollen?! Astaghfirullah ….

Ist Dir nicht einsichtig, dass genau diese Verdrehungen – nebst dem, dass sie Göttliche Offenbarung sowie Gesandtschaft von „Anbiya“ – Gesandten – „überflüssig“ machen – nichts anderes bewirken als ein nie endendes Kreisen in und um unser/em Selbst (dass man nie „vollkommen im Sinn von fehlerfrei“ sein kann, ist ja auch Dir klar, s. S 78)und dass Deine Herangehensweise – eigentlich das Bauen auf das Handeln alleine und den „Glauben“ (arabisch IMAN) gegenüber diesem als sekundär einstufend – als genau die EINZIG WIRKLICHE BEFREIUNG, nämlich die WEG von unserem Selbst, unserem Ego, HIN zu Gott, VERHINDERT? Uns so zu ewigen Gefangenen unseres „Nafs“, unseres Egos verdammen würde und unserem einzig wirklichen Zugang zu umfassendem HEIL das Tor verschliesst?!

Ich muss sagen, mich hat schon als Kind, im katholischen Religionsunterricht die Geschichte vom „Schweinehirten“ schwer beeindruckt, der nämlich alles, was ihm vom „Vater“ gegeben wurde, in der weiten Welt verspielt und verschleudert hat – im Gegenzug aber gewiss einiges über die Wirklichkeit und somit über Allah, seinen Herrn erfahren hat! – Der dann als eben Schweinehirte geendet und aus diesem Punkt der Demütigung heraus wieder ins Haus des „Vaters“ zurückgekehrt ist … Dieser veranstaltete daraufhin ein grosses Fest, zum grossen Missfallen des anderen Sohnes, der sich wohl all‘ die Jahre genau mit seiner „Selbstvervollkommnung“ abgemüht hatte… Oder die Geschichte (der Hadith) über den Alkoholiker (sie wird auf verschiedene Weisen erzählt), der über seine Verfehlungen jede Nacht geweint hat und hinter dessen Sarg der Prophet – Friede sei mit ihm und der Segen Gottes! aus Ehrerbietung auf Zehenspitzen gelaufen ist, weil er eine „Schar von Engeln“ hinter dem Sarg sah! Oder die Frau, die Unzucht begangen hat, nach Jahren und weil sie es nicht ertragen konnte, es zu verbergen, gesteinigt wurde und die unser geliebter Prophet – Friede sei mit ihm – als über sie immer noch gelästert wurde mit den Worten in Schutz nahm: SCHWEIGT! Denn ihre Reue reicht für sechzig von Euch“ !!

Was hat diese Menschen wohl im Innersten bewegt? Etwa beflissene, egozentrierte „Selbstvervollkommnung“ oder tiefe, sehnende, ja metaphysische Liebe?!

JA, die Barmherzigkeit ALLAHS subhanaHU wa taala ist in der Tat allumfassend, grösser, als Sein – auch wirklicher! – Zorn…! Aber indem Du die eigentliche und einzig mögliche Beziehung des Menschen zu IHM – nämlich die von Liebe getragene ABD – RABB – Beziehung – hypothetisch – aus ihren Fugen zu lösen suchst, den Menschen gleichzeitig anstelle von ALLAH taala als nötigen Fokus der Aufmerksamkeit darstellst (S 215 „…deshalb muss dieser Mensch im Zentrum der islamischen Theologie stehen…), die Beschäftigung mit der eigenen „Vervollkommnung“ ins Zentrum der menschlichen Aufmerksamkeit setzten möchtest und als Bedingung für diesen Prozess sowie für die „Aufnahme in die Gemeinschaft Gottes“ wiederum ein völlig realtiätsfernes „Gutmenschentum“ setzt – gerade auf diese Weise NIMMST Du dieser Beziehung und aller ihr innewohnenden Aspekte – auch dem der Liebe und Barmherzigkeit ihre eigentliche Bedeutung, ihre Kraft und Fülle! Kehrst die Aussage Deines Buchtitels in ihr Gegenteil und stellst eine Vorstellung von Seiner „Barmherzigkeit“ her, die einem seichten, siechen Tümpel gleicht, welchen der grosse Ozean (des Herzens) unberührt lässt und an welchem die Stürme, Untiefen und Gefahren aber auch die immensen Schönheiten und Wonnen des Lebens einfach vorbeigehen – und wenn sie ihn berühren, ihn im Nu hinwegspülen! Und auf genau diese Weise – sowie durch die Leugnung der Relevanz der Scharia (arabisch: Weg zur Tränke!) bezw. der Arbeit unserer Fuqaha („Fiqh- Gelehrten“) als „Gerüst“ unseres Gottesdienstes und Leitfanden unserer aktiven Hinwendung zu Allah in jeglicher Lebenspraxis, trittst Du sehr wohl zielsicher in die Fusstapfen der christlichen Verfehlungen, welche das Christentum zu einer – in Bezug auf das Geschehen im Menschen selbst sowie der Welt irrelevanten und folgenlosen „Privat – und Freizeitbeschäftigung“ verkommen liessen, die es in die Isolation getrieben, in ein Vakuum verschlossen haben! Nicht die Vorstellung eines barmherzigen Gottes ist spezifisch für den christlichen Weg der Gegenwart sondern DIESES „Nischendasein“, welches die religiöse Beschäftigung und Hinwendung zu Gott fristen soll, sowie das damit einhergehende Diminuieren bezw. die Leugnung dessen, was EIGENTLICH Zugang zur Barmherzigkeit Gottes schafft! Sehr protestantisch (calvinistisch?!) auch die Vorstellung, sich durch eigenes Handeln das Paradies erwerben zu können, was unser Prophet, Friede mit ihm als Unmöglichkeit eingestuft hat – sogar für sich selbst! („Keiner von euch wird durch seine Taten ins Paradies gelangen. Sie sagten: Auch du nicht, o Gesandter Allahs? Er sagte: Auch ich nicht, erst wenn Allah mich mit seiner Barmherzigkeit umhüllt.“) Auf dieser Basis ist auch verständlich, warum Du demHadith, – dessen zuverlässige Quelle Du zitierst – in dem gesagt wird, dass wer GLAUBT, dass es nur einen Gott gibt, ins Paradies kommt – auch wenn er Unzucht treibt und stiehlt (S 151) die Authentizität absprichst! In Deiner Darstellung erscheint Gott als fern, „pingelig“ „knausrig“, elitebezogen. Astaghfirullah!

Es ist bei Gott nur die Liebe des menschlichen Herzens zu ALLAH taala, als unserem „RABB“, Herrn und Erhalter sowie das tiefe Staunen über Seine Allmacht und Allgewalt, die ihm alles, ja, wirklich ALLES in unserem Leben enthaltene in seiner Sinnhaftigkeit, Schönheit, Wahrheit und Wirklichkeit zu offenbaren vermag! Die/das uns die Höhen, die Wonnen und die Abgründe des menschlichen Daseins unbeschadet und in Demut sowie Dankbarkeit zutiefst erfahren, durchleben und auch verstehen lässt. Die unseren Blick schärft und die Perspektive stimmen lässt, aus der heraus alles seinen ihm zugedachten Sinn und stimmigen Platz erhält. Aus der auch die Scharia in ihrem gesamten Umfang als DER „WEG ZUR QUELLE“ eben – ihre Funktion als Mittel zur ausgewogensten Handhabe aller Gegensätze unseres Daseins offenbart. Erst aus dem Kern des sehnenden und anbetenden Herzens seinem Schöpfer, Erhalter und Herrn (Rabb) gegenüber wird dem Menschen der Ernst, auch die Unbedingtheit seines Daseins im Lichte seiner (zentralen und realen) Beziehung zu Gott erhellt und erst innerhalb ihres Kontexts lässt sich auch das zwischenmenschliche Leben in seiner Fülle und in echter Menschenfreundlichkeit miteinander gestalten! Erst aus dieser Haltung heraus kann sich GOTTES BARMHERZIGKEIT in uns selbst sowie in unserer Umwelt manifestieren, nur in ihrem Kontext auch bleibt unsere „menschliche Würde“ auch unbeschädigt und geschützt!

Keinesfalls soll unsere Beziehung zu Gott „auf Angst basieren“ – hier gehe ich mit Dir einig… Hingegen sind wir dazu aufgefordert, das Wagnis der Gottesbeziehung GANZ einzugehen, in ihrem wirklichen Kontext und mit allen ihren Konsequenzen, die in der Aufgabe des Egos kumulieren. Angst hingegen sollten wir davor haben, den Täuschungen dieses Egos zum Opfer zu fallen, somit keinen Zugang mehr zur ganzheitlichen Kraft zu haben, welche unserem DIN innewohnt und leichte Beute derjenigen „Mächte“ zu werden, die sich unsere Selbsttäuschung, unser realitätsfernes Weltbild zunutze zu machen wissen!

Würde eine Sichtweise wie die von Dir beschriebene ihren Weg in die Herzen der Muslime finden, würde das in der Tat nichts anderes bedeuten als eine Zunahme der (Sterbens- )krankheit! Die Furcht der Muslime, dass islamfremde, ja, – feindliche Ansätze unsere Religion, wie sie es auch schon mit anderen Religionen getan haben, unterminieren, vor allem auch im von öffentlicher – nichtmuslimischer Hand organisierten Unterricht – wäre somit bestätigt. Ich kann nur sagen: „Hasbuna LLAH“. ALLAH ist uns genug und wir vertrauen auf IHN!

Ich nehme meine Zuflucht bei IHM von meinen eigenen Fehlern, Irrtümern und Unterlassungen und bitte Ihn um Vergebung dafür! Auch Dich und alle Leser möchte ich um Vergebung bitten für alles an Fehlern, Mängeln und Irrtümern in diesem Text! Und möchte zum Schluss noch nahelegen, die Ayat aus dem heiligen Qur’an (Sure 59, Al Haschr), die Du selbst auf S 30 zitierst, etwas tiefer zu reflektieren:

22.Er ist Allah, außer dem es keinen Gott gibt, der Kenner des Verborgenen und des Offenbaren. Er ist der Allerbarmer und Barmherzige.
23 Er ist Allah, außer dem es keinen Gott gibt, der König, der Heilige, der Friede, der Gewährer der Sicherheit, der Wächter, der Allmächtige, der Gewalthaber, der Stolze. Preis sei Allah! (Und Erhaben ist Er) über das, was sie (Ihm) beigesellen.
24 Er ist Allah, der Schöpfer, der Bildner, der Gestalter. Sein sind die schönsten Namen. Ihn preist (alles), was in den Himmeln und auf der Erde ist. Und Er ist der Allmächtige und Allweise
.

Wassalam Sumaya A. Mohamed

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Ein Gedanke zu „OFFENER Brief an Mouhanad KHORCHIDE

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