FRAGEN des WINTERTHURER STADTANZEIGERs

Interview mit M. HANEL für den Winterthurer Stadtanzeiger
von Christian SAGGESE, Redaktionsleiter

(ein etwas kürzeres Interview wird am Dienstag, 22.10.2013 veröffentlicht isA, hier der LINK)
siehe auch unter INTERVIEWS

  1. Nach dem Minarettverbot droht auch ein nationales Burkaverbot. Wie fühlt man heute als Muslim in der Schweiz? Fühlen Sie sich diskriminiert?

Das „Burkaverbot“ ist eine besonders schmerzhafte, diskriminierende Maßnahme gegen die Muslime in der Schweiz. Dies aus mehreren Gründen:

a.)    Die Burka wird in der Schweiz überhaupt nicht getragen (eventuelle Ausnahmen durch Touristinnen in Interlakens Schmuckgeschäften bestätigen die Regel).
Eine Initiative gegen ein real gar nicht vorhandenes Problem ist daher jedenfalls als schäbige Manipulation zu sehen, das Bild eines ganz allgemein frauenfeindlichen Islam in der Schweizer Öffentlichkeit zu verfestigen.
b.)    Die Muslime in der Schweiz sind aufgrund ihrer persönlichen, kulturellen und religiösen Prägung überhaupt nicht daran interessiert, einen derartigen „Dress-Code“ in der Schweiz einzuführen. Die wenigen Musliminnen in der Schweiz, welche sich freiwillig – und das ist zu betonen – entschieden haben, den Niqab zu tragen, sollen „zwangsmässig“ entkleidet werden. Ein Vorgehen, welches Muslime in der Schweiz genauso entschieden ablehnen und eine aufgeklärte, freiheitliche Schweizer Bevölkerung genauso ablehnen sollte, wie eine eventuelle zwangsweise Verordnung einer Verhüllung oder Verschleierung von muslimischen Mädchen und Frauen.
c.)    Angesprochenes „Burkaverbot“ ist auch nach aktuell gültigem hiesigen Recht ein unrechtmäßiger Eingriff in die persönlichen, individuellen Freiheitsrechte und eine Umsetzung richtete sich nicht nur gegen das Recht der Muslime auf freie Religionsausübung, sondern in erster Linie gegen das, sich aus guten Gründen über lange Zeit entwickelte schweizerische Rechtsverständnis. Muslime und Schweizer, Schweizer Muslime, Muslime in der Schweiz wären daher nicht schlecht beraten, sich also von solch schändlichen Machenschaften zu distanzieren.

  1. Mit welchen Befürchtungen/Ängsten beobachten Sie diese Entwicklung in der Schweiz?

So wie 9/11 einen Bruch im Verhältnis zu Muslimen weltweit darstellte, war dies die Annahme der Minarettbauverbotsinitiative in der Schweiz. Gegen Islam und/oder Muslime zu sein, gilt seitdem als „political correct“ und wurde salonfähig gemacht. Dass hierbei in der Regel Sachverhalte verzerrt dargestellt, Wahrheiten zu Halbwahrheiten verkürzt, korrigierende Darstellungen umfänglich unterdrückt werden, zeigt, dass es sich um eine systematisch umgesetzte Strategie gegen die Religion ganz allgemein und gegen den Islam im speziellen handelt. Solange dem normalen Haus- und Sachverstand nicht auch öffentlich und in der Politik wieder zu seinem Recht verholfen wird und weiterhin populistischen Agitatoren zugejubelt wird, wenn sie das zwischenmenschliche Klima im Land vergiften, stehen einer besseren gemeinsamen Zukunft zu viele Ressentiments – in der Zwischenzeit vermehrt auf beiden Seiten – entgegen. In aller Deutlichkeit möchte ich den Lesern ans Herz legen, dass es  differenziertes Denken braucht, um eine Lösung der Problematik und Entspannung zu erreichen.

Ist das Offensichtliche wirklich so schwer als solches zu erkennen, dass das Realverhalten der Menschen meist eines ist, welches eben nicht mit jenem Verhalten gleichgesetzt oder verwechselt werden darf, das über die gerade deshalb erforderliche religiöse Reform angestrebt wird?

Oder – um einige makabre Vergleiche zu ziehen – wäre es denn nicht absurd, das vom Himmel hoch her kommende Geschenk der „christlichen Nation“ USA an die Bewohner Hiroshimas und Nagasakis, das millionenfache gegenseitige Abschlachten der Christenheit zur Zeit des zweiten Weltkriegs, die im „christlichen Abendland“ laufende exportbestimmte Massenproduktion von chemischen Kampstoffen, Land und Tretminen, das zurzeit stattfindende gegenseitige Morden der Muslime im Nahen Osten als christliche oder islamische, religiös begründete Maßnahmen der Nächsten- und Gerechtigkeitsliebe zu interpretieren, um nur bei einigen schauderlichen Beispielen zu bleiben?

  1. Können Sie die Ängste der Schweizer Bevölkerung vor dem Islam nachvollziehen? Oder auch im Falle des Burkaverbots, dass die meisten Schweizer generell gegen Vermummung sind und Ihrem Gegenüber ins Gesicht sehen wollen?

Diese Ängste sind nachvollziehbar. Kennte ich den Islam nur so, wie er von bestimmter Polit- und anderer pseudokompetenter Prominenz verkündet wird, hätte auch ich meine liebe Not mit dem Islam. Und was die Vermummung betrifft – so wird sie entweder in krimineller Absicht, zum Schutz körperlicher Unversehrtheit und Gesundheit oder aus religiöser Intention gebraucht. Will man nicht differenzieren – oder anders gefragt, will man denn die religiöse, mit der kriminellen Absicht paaren?

  1. Viele Schweizer sind der Ansicht, dass sie sich in einem muslimischen Land ja auch an die Regeln halten müssen (Kleidervorschriften, kein öffentlichen Tragen des Kreuzes). Wäre es dann nicht ein Zeichen des guten Willens, wenn sich auch Muslime den örtlichen Gegebenheiten anpassen?

Die Realität sieht doch so aus: auf der ganzen Welt gilt der europäische Anzug mit Krawatte als Standard. In jedem muslimischen Land (bis auf wenige Ausnahmen) rennen die Touristen in der Öffentlichkeit und erst recht an den Stränden und Märkten herum wie es ihnen passt. Wo ihnen bestimmte Beschränkungen auferlegt werden, beugen sie sich diesen Vorschriften nolens volens – und nicht aufgrund guten Willens, oder?! Bekleidungsvorlieben, solange sie nicht lokalen sittlich und daher rechtlich gebotenen Anstand verletzen, haben in einer freiheitlichen Schweiz JEDES Recht, ausgelebt zu werden. Dass Vorlieben und Geschmäcker nun mal verschieden sind, hat sich mittlerweile doch schon weltweit herumgesprochen.

  1. Welche Bedeutung hat die Burka? Und was ist der Unterschied zwischen der Burka und der Niqab?

Burka ist ein eher schwer zu handhabendes Stück Stoff, welches beinahe einem Zelt gleich, traditionell von Frauen hauptsächlich in Afghanistan getragen wird. Der Niqab ist ein federleichtes Stückchen Stoff (es sei denn, er ist schwer mit Gold oder Silber durchwirkt oder ganz aus Edelmetallen als Schmuckstück gefertigt), welches meist von Frauen aus der arabischen Region schon von jeher aus kulturellen Gründen getragen wird. Aus islamischer Sicht gibt es keinen Grund, diesen Habitus zu verbieten, da auch der Prophet von einem Verbot Abstand nahm. Bei der islamischen Pilgerfahrt ist in der Öffentlichkeit das Tragen gestattet, in der Moschee beim Gebet ist der Niqab abzunehmen.

  1. Was sagen Sie zu den Stimmen, die der Ansicht sind dass die Burka nur zur Unterdrückung der Frau genutzt wird?

Vielmehr ist richtig, dass in der Schweiz die Burka zwar als spektakuläres und dennoch völlig unpassendes Argument dafür verwendet wird, um angebliche Frauenfeindlichkeit im Islam zu „beweisen“. Nicht minder richtig ist – siehe die Differenzierung zwischen religiösem Ideal und menschlicher Praxis – dass tatsächlich in vielen, allerdings keineswegs nur muslimisch besiedelten Regionen dieser Welt die Frau ganz generell, auch über Be- und Entkleidungszwänge unterdrückt wird. Für die Schweiz gilt dies eher, um nicht zu sagen, gewiss nicht und daher wäre ein entsprechendes Gesetz für die Schweiz ein gesellschaftspolitisches und juristisches kontraproduktives und tatsächlich diskriminierendes Kuriosum.

  1. Was wäre bei einem nationalen Verbot die Konsequenz für die Burkatragenden Frauen? Könnten/Dürften Sie das Haus noch verlassen?

Wenn die wenigen in der Schweiz betroffenen Frauen  ihrem sich selbst und Gott gegebenen Versprechen und ihrer freiwillig getroffenen Entscheidung und Absicht treu bleiben wollen, dann werden sie vom Gesetz gezwungen, das Haus nicht zu verlassen. Entsprechend gekleideten Touristinnen müsste die Einreise verweigert werden, sofern sie sich weigern, sich dem Bekleidungsdiktat eines Fremden zu unterwerfen.

  1. Haben Sie Pläne, wie Sie gegen ein nationales Verbot vorgehen wollen?

Nein. Wir haben weder die Mittel, noch personelle Ressourcen wie politische Parteien. Wie bei der Minarettbauverbotsinitiative liegt es erneut primär beim Souverän, eine Lösung für reale Probleme zu finden, die der Schweiz auch würdig ist oder eben auch in gleicher Würde keine Probleme zu kreieren, wo es gar keine gibt. Muslime können nur marginal – z.B. mit der möglichst emotionslosen Darstellung ihrer Sicht der Dinge zur Meinungsbildung beitragen.

  1. Ich möchte Sie gerne bitten, folgende Vorurteile, die gegen den Islam herrschen, zu kommentieren:

a) Muslime sind gewalttätig, Terroristen und Extremisten.
Stimmt, es gibt solche Muslime. Muslime die ihre Religion allerdings ernst nehmen, sind ganz im Gegenteil, dem Frieden verpflichtet und keine Terroristen, sondern Soldaten, wie alle aufrechten und verantwortungsvollen Staatsbürger, suchen niemals die Extreme, vielmehr stets nach dem «goldenen» Mittelweg!

b)  Der Islam hasst den Westen und will die christliche Kultur zerstören/unterdrücken.
Der „Westen“, besser gesagt manche Mitglieder westlicher Regierungen und deren Verbündete bemühen sich nachhaltig (siehe Jürgen Todenhöfers Recherchen) sich auf der Welt so aufzuführen, dass man schon bald ein Heiliger sein muss, um keine Hassge­fühle gegen deren blinde, imperialistisch motivierte Zerstörungswut aufkommen zu lassen. Der Islam hasst niemanden – sondern die Menschen sind es, die zu hassen vermögen. Die islamische Lehre ruft primär zu allem Respekt gegenüber anderen Kulturen und Religionen auf. Der Islam ermutigt allerdings auch zu aktivem Widerstand gegen Verrat, Unterdrückung und Beschneidung der religiösen Freiheit. Zurzeit und dies fast weltweit überbieten sich Muslime, wie Nichtmuslime in der jeweiligen Dämonisier­ung des Anderen. Dies ist weder islamisch, noch christlich, noch religiös im guten Sinne – sondern eine, materialistischem dualistischem Denken entspringende Haltung.

c)  Der Islam ist rückständig, erlaube Mehrfach- und Zwangsehen und unterdrücke die Frauen.
Islam ist immer zeitgemäß. Muslimische Gesellschaften sind allerdings aus gewisser Perspektive heraus, schon manchmal als rückständig zu bezeichnen. Der Islam erlaubt Polygynie und verbietet die Zwangsehe und stellt sich – getreu dem prophetischen Vorbild – gegen jegliche Unterdrückung aller Menschen und besonders der Frau. Männer oder sich stark und mächtig Fühlende ganz allgemein, haben mitunter allerdings schon einen beträchtlichen Hang zu inakzeptablen Verhalten Frauen, resp. Schwächeren gegenüber.

d) Muslime leben nach dem Dschihad, was heiliger Krieg bedeutet.
Dschihad bedeutet “große, anstrengende Bemühung” und keineswegs “heiliger Krieg”. Muslime haben sowohl die Pflicht, sich ständig um ihre charakterliche Veredelung zu bemühen (großer Dschihad) und auch die Pflicht, wie jede andere geordnete und ordentliche Gemeinschaft auch, sich jeglicher Angriffe gegen ihre Gemeinschaft mit besten Mitteln, daher auch militant (kleiner Dschihad) zu erwehren. Vorrangig aber ist in jedem Fall das Ausschöpfen aller Möglichkeiten, um eine kriegerische Auseinandersetzung zu vermeiden!

e) Der Islam ist rückständig, lebt in der Vergangenheit und passt sich nicht der modernen globalen Entwicklung an.
Wahr ist, dass die Muslime den Islam als „lebendige“ Religion erfassen – und somit leben die Muslime und mit ihnen der Islam ganz im Gegenteil stets in der Gegenwart. Eine Anpassung an eine vorgeblich moderne globale Entwicklung erscheint – wenn man sich diese Entwicklung in ihrer Gesamtheit nüchtern ansieht, nur Benebelten und Umnachteten begehrens- und lebenswert! Die Weltgemeinschaft hat in „den Muslimen“ vielmehr kongeniale Partner, Auswege aus der sich abzeichnenden, globalen katastrophalen ökologisch-ökonomisch-gesellschaftlichen Entwicklung zu entwerfen und auch gemeinsam zu begehen. Die Voraussetzung dafür ist der Wille zur Friedfertigkeit, Respekt gegenüber dem Recht auf Unabhängigkeit und Gleichheit, sowie Aufrichtigkeit, Verantwortlichkeit und Vertragstreue auf beiden Seiten. Wer ist dazu bereit?

  1. Was würden Sie sich konkret als muslimisch Gläubiger von der Schweizer Bevölkerung wünschen?

Einen ernsthaften Dialog, der auf echtem Interesse gründet, das „Unverständliche“ zu verstehen, konstruktive, lösungsorientierte Kooperation, Einsicht, dass jedes Menschen Ansicht nur relativ ist und jederzeit zum Besseren hin ausgerichtet werden kann und daher die Anerkennung des Gegenübers als LÖSUNG für eine Problematik und nicht als URSACHE derselben erforderlich ist.
Im Übrigen wünsche ich mir als Muslim das gleiche auch von jenen, welche den Islam als ihren Glauben erwählt haben.


1] Siehe Stellungnahme der VIOZ: http://www.vioz.ch/2013/Burka.pdf

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3 Gedanken zu „FRAGEN des WINTERTHURER STADTANZEIGERs

  1. Uncle SAM

    Der Terror kommt direkt aus dem Koran. Alle Fragen zum Islam wurden am 9/11 beantwortet.
    Ihr Moslems seid hier NICHT wilkommen, nur geduldet. Wenns euch hier nicht passt verschwindet. Euer Mohamend war ein paranoider, faschistischer und pädofiler Massenmörder.
    Habt ihr Idoten denn noch nicht geschnallt, dass Religionen nur Institutionen zur Ausübung von Macht und Kontrolle über die Volksmassen sind? In Wirklichkeit gibt es KEINEN GOTT. Frömmigkeit ist eine Geisteskrankheit und ihr moslems solltet nicht ständig neue Forderungen stellen.

    Antwort
    1. M.M.HANEL Autor

      Astaghfirlullah, astaghfirullah, astaghfirullah – audhu bil’Lahi minash shaytani rajim.

      Leider sind solche Kommentare jene, welche an die Oberfläche in der Kommunikation über den Islam und Muslime aufschwimmen – denn wo sind die differenzierten und daher positiven Kommentare?
      Und – um den Spiegel vorzuhalten, Ausdruck einer paranoider, faschistoider und, und … wirklich geisteskranker, weil völlig Wahrnehmungs-verrückter Gesinnung sind.
      Versteht man nicht?
      Paranoid vor dem Spirituellen, dem Fremden ganz allgemein, faschistoid – man erinnere sich, woher dieser Begriff kommt, WER ihn durch massenmörderische Praxis gelebt und umgesetzt hat … einerseits … und andererseits gilt dies ebenso für jene bigotten & gottlosen, terroristischen linken UND westlichen Regime und Horden in Russland Asien, UND im Westen, welche Millionen auf der ganzen Welt auf grausamste Art (Atombomben, Giftgas, Minen, Uranmunition) ermorde(te)n.

      Anstatt sich gegen grausame Unmenschlichkeit auf ALLEN Seiten einzusetzen, ereifern sich solche einäugigen Möchtegerndespoten in abstossenden HASSTIRADEN.

      Sage daher eindeutig, dass ich dieses Kommentar nur deshalb freischalte, um die WAHREN HASSPREDIGER mit ihrem wahrhaft krankhaften Gemüt vorzustellen und den, für die innere Sicherheit wirklich Zuständigen in diesem Land, zu intensivster Betreuung und Behandlung ans Herz zu legen.

      Antwort
  2. Pingback: INHALTSANGABE der BEITRÄGE | ISLAM HEUTE

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