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Interview zum 20-jährigen VIOZ Jubiläum

Vereinigung Islamischer Organisationen:
Der lange Weg zur Integration

Link zum Zeitungsbeitrag Limmattaler Zeitung
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Original Interview von Matthias Scharrer mit VIOZ Sprecher Muhammad HANEL:

Sehr geehrter Herr Hanel,
wie eben besprochen, arbeite ich für die Limmattaler Zeitung an einem Artikel zum Vioz-Jubiläum und wäre froh, wenn Sie heute möglichst bald zurückrufen könnten. Es geht um folgende Fragen:

-Was waren die Gründe für die Vioz-Gründung 1995?

HANEL:
VIOZ wurde 1995 in Stadthaus Zürich geboren. Als Geburtshelfer wirkte Dr. Peter Wittwer, der ehemalige Stadtbeauftragter für Ausländerfragen. Stadt und Kanton brauchten einen Ansprechpartner für Friedhoffragen und die bestehenden vorwiegend ethnischen Verbände haben sich unter der Führung von Dr. Ismail Amin und Dr. Hassan Hatiboglu geeinigt VIOZ als Dachorganisation zu gründen und als Sprachrohr für alle Muslime in Kanton Zürich zu erklären. Dabei gab es drei Hauptziele:

  • Friedhöfe bzw. Grabfelder für Muslime zu ermöglichen.
  • Die Voraussetzungen für die öffentlich-rechtliche Anerkennung zu schaffen.
  • Eine stadtwürdige Moschee in Zürich zu bauen, um Muslime aus den Hinterhöfen zu holen und Stadtbesuchern einen klaren Gebetsort  anzubieten.

– Was sind die wichtigsten Errungenschaften aus der 20-jährigen Vioz-Geschichte?

HANEL:
Bei der Friedhof Frage ist einen Durchbruch in Wittikon und Winterthur erzielt worden und das galt als Motivation für die Muslime sich vermehrt für eigene Ziele, aber auch ehrenamtlich für der Gesellschaft zu engagieren.

Was sind die Ziele von Vioz für die Zukunft?

HANEL:
Vorgesehen für die Zukunft ist, die noch nicht verwirklichten Ziele zu erreichen und das Engagement für die ordentliche Integration der Muslime zu verstärken. Dabei wird auch daran gedacht, einen “Runden Tisch” mit Verantwortlichen der politischen Parteien zu etablieren, um anstehende Fragen, die  Muslime und den Islam betreffend, kompetent und sachlich zu besprechen und wahrgenommene Probleme möglichst im Konsens nachhaltig zu lösen.

Sehr geehrter Herr Hanel,
Vielen Dank für Ihr E-Mail. Dazu drei Rückfragen:

  1. Welche Hürden sind zu überwinden, um die öffentlich-rechtliche Anerkennung zu schaffen – und in welchem Zeitraum könnte dies geschehen?

    HANEL:
    Bevor die juristische öffentlich-rechtliche Anerkennung zu erlangen ist, hat die gesellschaftspolitische Anerkennung einen bestimmten Grad der wohlwollenden Akzeptanz zu erreichen, Davon sind wir im Augenblick weit entfernt. Vielmehr nimmt die gesellschaftliche Bereitschaft eine muslimische Gemeinschaft öffentlich-rechtlich anzuerkennen drastisch ab. Über einen Zeitraum kann daher nur spekuliert werden. Jedenfalls haben wir in Zürich wahrscheinlich über Jahrzehnte und nicht über Jahre zu reden.
  2. Warum sind die Bemühungen, eine „stadtwürdige Moschee in Zürich zu bauen“, bisher nicht vorangekommen?

    HANEL:
    Bislang konnte weder ein geeigneter Bauplatz, noch die finanziellen Ressourcen gefunden werden, die einen unabhängigen Betrieb garantieren könnten.

  3. Hat Vioz schon Parteien für den von Ihnen erwähnten „Runden Tisch“ kontaktiert – wenn ja: wie waren die Reaktionen?

    HANEL:
    Es gab Kontakte bis hin zur Nationalratsebene. Leider, so scheint es, ist man aus Gründen, über die man nur spekulieren kann, nicht bereit, politische „Nägel mit Köpfen“ zu machen. Allerdings eines ist klar – und dies entspricht meiner tiefsten Überzeugung. Käme es zu wirklich ernsthaften Gesprächen zwischen Muslimen und namhaften Zürcher Politikern ALLER Parteien, könnte der bereits schmerzhaft empfundenen Ablehnung der Muslime und des Islams nachhaltig, zum Wohle des gesellschaftlichen Friedens in Zürich und darüber hinaus entgegen gewirkt werden.

Interview zur „BURKA – INITIATIVE“

Sehr geehrter Herr Krebs (AZ Medien)

Aus Österreich und aus dem Krankenbett nur kurz:

– Stellen Gesichtsschleier in der Schweiz ein Problem dar?

Zitat:
Nein – kein objektives Problem, da für die amtliche Identitätsprüfung der Niqab vorübergehend gelüftet wird und auch – Gott sei Dank – keine muslimische Frauen bislang auf Demonstrationen als vermummte Steinewerfer ausgemacht werden konnten.

– Was für eine Gesinnung steckt hinter der Initiative?

Zitat:
Es darf mit Recht angenommen werden, dass es sich hier um eine weitere populär populistische Aktion gegen Islam und Muslime handelt.

– Wie steht die VIOZ zur Initiative?

Zitat:
Da es bedauerlicherweise KEINE direkten Kontakte zu den Initianten und den unterstützenden Parteien gibt, um die verschiedenen dringenden Angelegenheiten persönlich, wie es unter verantwortungsbewussten Staatsbürgern eigentlich sein sollte, zu besprechen – mit großem Bedauern und etwas Unmut. Ich vermisse es sehr, dass die politischen Parteien es bislang nicht wagten, auf den seit Jahren vorgetragenen Vorschlag einzugehen, regelmässige Treffen zu vereinbaren, an welchem je ein offiziell nominierter Vertreter der relevanten politischen Parteien und mindestens ein muslimischer Vertreter die anstehenden Problematiken besprechen und sukzessive Lösungsvorschläge einbringen, gemeinsam debattieren und anschließend ihren Gesellschaften zur Begutachtung vorlegen. DAS wäre ein der Schweiz würdigeres Vorgehen, als ständig aus der eigenen Ecke dem sozialen Frieden querzuschießen.

Hier zum Artikel

AUFSATZ: Der bewaffnete Kampf im Islam

Gerne helfe ich bei der Veröffentlichung dieses Aufsatzes einer sehr engagierten Schwester – SANDRA

Salamu alaikum
Muhammad Hanel

Salam alaykum warahmatUllah meine lieben Schwestern,

im Anhang findet ihr eine Ausarbeitung zu dem Thema „Der bewaffnete Kampf im Islam“. Angesichts der aktuellen Ereignisse ein nicht gerade irrelevantes Thema, wie ich finde. Es ist (leider) sehr ausführlich geworden, entschuldigt. Aber ich finde, gerade heutzutage ist dieses Thema es wert, gründlich überdacht zu werden. Und dazu habe ich dennoch – trotz des intensiven Umfangs – allenfalls eine kleine Vorarbeit geleistet. Für jede Art von weiteren Anregungen bin ich ehrlich dankbar!

Nun, an dieser Stelle fasse ich mich (ungewohnt) kurz ;-), alles weitere dann im Anhang. Khayr in scha Allah. DjazakunnAllahu khayran aber auf jeden Fall für eure Mühe, die ihr euch immer macht, wenn ihr euch mit meinen Gedanken auseinandersetzt! Möge es zu unser aller Nutzen sein – amin!

Liebe Grüße und salam alaykum
eure Sandra

Hier der LINK zum Aufsatz

WEITERZUG EMPFOHLEN – Rekurs gegen Zürcher VG Entscheid gegen „AL HUDA“

VIOZ PRESSEMITTEILUNG

WEITERZIEHEN EMPFOHLEN

Die NZZ schrieb am 27.5.2015, resp. am 21.7.2015 in etwa, Zitat Anfang: „Das Zürcher Volksschulamt und der Regierungsrat haben zu Recht die Bewilligung für einen islamischen Kindergarten verweigert. Das Verwaltungsgericht hat eine Beschwerde des Vereins «al Huda», der ein solches Projekt in Volketswil ZH realisieren wollte, abgelehnt.

Eine Privatschule müsse Gewähr bieten, dass die Schüler keinen pädagogischen und weltanschaulichen Einflüssen ausgesetzt würden, die den Zielen der Volksschule in grundlegender Weise zuwiderliefen, heisst es in dem am Dienstag im Internet publizierten Entscheid.

Es sei heikel, dass den Kindern nicht klar vermittelt werde, dass gewisse religiöse Vorstellungen etwa bezüglich Geschlechtsverkehr vor der Ehe oder Homosexualität nicht den heutigen Regeln der schweizerischen Gesellschaft entsprechen.“ Zitat Ende.

Dieses Urteil ist ein vernichtender Schlag gegen die Werte, welche in einem Land „christlich-jüdischer“ Tradition hochgehalten werden sollten; Werte, welche sich im Wesentlichen nicht von jenen unterscheiden, die in einem Land islamischer Tradition bestimmend sind.

WEITERLESEN unter: http://www.gsiw.ch/Weiterzug_al_Huda.pdf

KOMMENTAR:
Es ist wirklich interessant, dass diese Presseerklärung, trotz expliziter telefonischer Nachfrage eines NZZ Journalisten um eine Stellungnahme KEINE Erwähnung in den Medien gefunden hat.
WARUM?

ÜBER den KLANG – dem „URMUSTER des SEIENDEN“ verfasst von S.A.MOHAMED

GEDANKEN zum FASTENMONAT RAMADAN

Unlängst – am 1. Februar 2015 – strahlte das Schweizer Radio eine Sendung aus, in der die Frage behandelt wurde, ob die drei „Buchreligionen“ Judentum, Christentum und Islam nicht auch bezw. viel mehr als HÖRRELIGION bezeichnet werden können. Die Antwort wies klar in die Richtung, dass dem Hören der Vorrang vor dem Geschriebenen zusteht – unvorstellbar, eine gelebte Religion auf geschriebene Bücher zu reduzieren, Wohlklang in Rezitationen und Gesängen wegzudenken. Religionen wissen um die grundlegende Bedeutung des Klanglichen, man denke an das biblische „am Anfang war das Wort“ oder den an die Israeliten gerichtete Befehl „höre und gehorche“. Als Muslime kennen wir aus dem Heiligen Qur’an Allahs Befehl „Kun“, der alles Seiende gemäss Seinem Willen in die Schöpfung rufen zu vermag (z. B. 36:82) und wissen auch, dass am Ende der Zeit, wenn das Universum wieder „aufgerollt“ wird, ein Engel (`Izrafil) damit beauftragt ist, dies mit einer „Posaune“ einzuleiten: Und es wird ein einziger „Schrei“ sein… An vielen Stellen der Sure 36, Ya-Sin, finden wir solche Hinweise, zum Beispiel 36:29, sowie 36:49 – 51.

Vor längerer Zeit, nämlich am 28. November 1981 sendete der Südwestfunk eine zweiteilige Hörsoiree. Joachim Ernst Berendts Nada Brahma. Die Welt ist Klang. Die Sendung erreichte ein grosses Publikum und löste über tausend Zuschriften aus. 1983 gab Berendt im Anschluss die Bücher Nada Brahma − die Welt ist Klang und Das dritte Ohr. Vom Hören der Welt heraus. Dem ehemaligen Physikstudenten war es hiermit in seiner Funktion als Musikjournalist auf einmalige Weise gelungen, Wissenschaftliches mit archaischem Wissen zu verbinden, untermauert durch Klänge, sodass man hier ein tief berührendes und inspirierendes Hörerlebnis gewinnen kann, welches einen das eigene Vibrieren in einem schwingenden und er – klingenden Kosmos erahnen lässt. Es öffnet unsere Sinne hin zum Erspüren subtiler Zusammenhänge und Geheimnisse – Geheimnisse, die aus dem Grunde eines gesunden (das Wort ist mit dem englischen SOUND verwandt) Herzen unverwunden zugänglich sind – und die das Ohr ihm vermittelt. Man muss nicht unbedingt alle Schlussfolgerungen zu 100% teilen, zu denen Berendt kommt, um sich durch die „Reise“, durch die er führt, beschenkt und beglückt zu fühlen.

Der Philosoph Peter Sloterdijk hat den philosophischen Tiefgang des Werks gewürdigt und seine Thesen „Universum als Musikinstrument“ wie auch „Individuum als Manifestation des Universums“ ausführlich besprochen. Berendt erhielt u. a. das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse (1984), die Ehrenprofessorwürde (1979), den Polnischen Kulturpreis (1970), den Kritikerpreis des Deutschen Fernsehens (1962) und zweimal den Bundesfilmpreis (1961).Seit 2012 verleiht die Stadt Baden-Baden den „Joachim-Ernst Berendt Ehrenpreis der Stadt Baden-Baden“ im Rahmen eines Musikfestivals.
Berendt weist in einer Zeit einer wachsenden Informationsflut vornehmlich übers Auge, und deren überwiegend an den Sehsinn gekoppelten gedanklichen Verarbeitung auf ein Sinnesorgan hin, welches komplementär dazu ein ungleich breiteres Spektrum an Wirklichkeitswahrnehmung abdeckt, nämlich an das Ohr. Es ist dasjenige Organ im menschlichen Körper, an dem die meisten Nervenenden zusammenlaufen. Wir hören 7mal schneller, ausserdem um vieles exakter und unmittelbarer als wir sehen. Unser Hörsinn ist der empfindlichste unserer Sinne. Wir können Schwingungen hören, die kleiner sind als eine Lichtwelle, 10mal kleiner als ein Wasserstoffatom. 30`000 Nervenfasern und ebenso viele Haarzellen enden in der Cochlea, dem Innenohr. Das Gehör ist für die Aufrichtung des Menschen, einer „Meisterleistung der Schöpfung“, von unerlässlicher Bedeutung, es bestehen ungleich mehr Nervenverbindungen zwischen der Wirbelsäule und dem Ohr als von ihr zum Auge, die Wurzeln des Rückenmarks hängen vom Vestibularzweig des Hönervs ab. Keine Bewegung entgeht der Kontrolle dieses Nervs – man kann daraus die Bedeutung von Klang für Motorik und Beweglichkeit des Körpers verstehen. Das Gehör ist zudem Voraussetzung für Sprache und Denken: die moderne Neurologie hat nachgewiesen, dass das Gehirn 90% der elektrischen Energie durch das Ohr empfängt! Der Hörsinn ist, enger als das Sehen, mit dem Herzen und so mit dem Fühlen verbunden – schon Aristoteles stellte fest: „das Gehör hat einen direkten Einfluss auf die Bildung des sittlichen Charakters, was für das Geschaute nicht unmittelbar gilt.“

Im heiligen Qur´an finden wir, dass das Gehör durchwegs vor dem Sehsinn und meistens in engstem Zusammenhang mit dem Herzen erwähnt wird.*) Unser Prophet Muhammad, Friede und Segen Gottes sei auf ihm, allerdings, hat den Sehsinn wohlweislich als des Menschen „Liebstes“ bezeichnet und demjenigen das Paradies versprochen, der seinen Verlust – die Erblindung – geduldig erträgt. Tatsächlich bestätigen auch aktuelle Studien, dass Menschen das Erblinden um vieles mehr fürchten als die Taubheit. Die reale Erfahrung zeigt allerdings etwas anderes: Menschen, die im Laufe ihres Lebens blind und taub wurden, empfinden den Verlust des Gehörs als das schlimmere Übel.

Innerhalb unseres Denkens nimmt das Visuelle, Formbezogene einen wichtigen Platz ein. Unter anderem beruht die Kunst der Dialektik darauf („gerne“ schwarz – weiss), jegliches Unterscheidende, Polare baut darauf: Standpunkte, Stellungnahmen, Weltanschauungen sie entstehen, indem wir verschiedene „Schattierungen“ gegeneinander abwägen und ausspielen, sie zu „Bildern“, Ideen, Ideologien formen. So gerne wir sie entwerfen und uns auf sie berufen, so zerbrechlich sind sie doch, aufgrund ihrer Bedingtheit, ihrer Abhängigkeit von einem komplexen, höchst dynamischen und wandelbaren Hintergrund, der weit über die situationsbezogenen, polaren Abstufungen hinausreicht und sich unserem Zugriff weitgehend entzieht.

Das Auge ist, so Berendt der „maskulinste, expansivste, agressivste“ unserer Sinne. Da sich das Visuelle zudem der Projektion bedient, ein, wie Forscher des Gebiets wissen, „dem Sehvorgang inhärenter Vorgang“, nimmt man Ungenauigkeit und Verzerrung im Zusammenhang damit unweigerlich in Kauf. In der Psychologie bezeichnet der Begriff „Projektion“ ein Spiegeln eines seelischen Inhalts in ein Aussen, wodurch es in einen anderen Zusammenhang gesetzt und dem Eigentlichen entfremdet wird. Wir projizieren ständig – als Individuum sowie als Kollektiv – und identifizieren uns mit verschiedensten Projektionen. Im Zeitalter der Bildschirme nun wird dem Visuellen eine zusätzliche Plattform gegeben, auf dem sich dieser Teil des Denkens weitgehend abgekoppelt „austoben“ kann, wo wir ein Netz von Vorstellungen und Ansichten immer weiter ausbauen können, ohne dass dieses gleichzeitig der „Prüfung“ durch die umfassende Wirklichkeit standhalten muss – im Gegenteil, es wird versucht, unsere Lebenswirklichkeit danach auszurichten – wodurch wir uns dem lebendigen, ganzheitlichen Hier und Jetzt zunehmend entfremden, ja, an unseren eigenen Konstrukten ernsthaft erkranken.

Schon Johann Wolfgang von Goethe, als „Augenmensch par excellence“ eingestuft, wusste: „das blosse Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern“, der Philosoph Martin Heidegger sagt: „Das Denken ist ein Blicken. Von beidem, vom Denken und vom Blicken gilt das gleiche – es führt uns fort von uns selbst. Mit dem Denken (Blicken) begeben wir uns zu der Sache, die wir `anblicken´“ Und Jean Paul Sartre stellte fest: „Alle abendländische Philosophie ist eine Philosophie durch das Auge“. Dass Beobachtung vom Beobachtenden nicht zu trennen und dass eine Wahrnehmung der Wirklichkeit daher immer subjektiv sowie momentbezogen ist, hat wiederum die moderne Teilchenphysik offengelegt. Wir sind Teil dessen, das wir beobachten und der Vorgang der Beobachtung selbst schafft die jeweilige, „einmalige“ Beobachtung! Ja, die Beobachtung kann mit dem Fragestellen verglichen werden und, wie man ebenfalls in der Teilchenphysik erfahren hat, was die Weisen aller Zeiten schon immer gewusst haben: „Die Unschärferelation lässt keinen Zweifel darüber, dass die Natur nicht dem Experiment (der Frage „an sich“) antwortet, sondern DEM FRAGENDEN.“ Wir tun also gut daran, unsere Fragen – in jeglicher Hinsicht – ganzheitlich und mit Einbezug aller Sinne zu stellen, damit die Antworten sowie auf ihnen fussende Entscheidungen in der Tiefe greifen und wurzeln dürfen. „Frag, und es wird Tag“: eine Weisheit, die ein sensibles, tief nach innen HÖRENDES Fragen voraussetzt.

„Das Auge markiert einen Endzustand – das Ohr führt weiter“. Und: Das Auge führt den Menschen in die Welt das Ohr die Welt in den Menschen“. (Lorenz Onken, deutscher Naturphilosoph). Übers Gehör sind wir, unmittelbarer als übers Auge mit dem Herzen verbunden und haben über dieses wiederum einen unmittelbaren Zugang zu Urformen der Schöpfung. Forschungen haben ergeben, dass das Herz dasjenige Organ mit dem weitaus grössten elektromagnetischen Feld ist (um vieles grösser als das des Gehirns) ja, manche erlauben den Schluss, dass gewisse Frequenzen universumübergreifend übers Herz um vieles schneller als in Lichtgeschwindigkeit – nämlich annähernd zeitgleich – wahrnehmbar sind. Das Herz – arabisch „Qalb“- das sich (ständig) wendende – ist dem Dynamischen, Schwingenden und Tanzenden, dem Inneren Sein verbunden, während der „Endzustand“, welchen das Auge und sein zugehöriges menschliches Denken umschreibt, zwar gerne als Vorzeigestück menschlichen „Könnens“, menschlicher Macht herangezogen wird, jedoch, als Manifestation des Punktuellen, Starren, Unwandelbaren unausweichlich dem nahen Tod geweiht ist.

Schon der Philosoph, Naturwissenschaftler und Mathematiker Pythagoras hat ca 550 v. Chr. eine Theorie der „Sphärenharmonie“ aufgestellt, nach der jedes Ding seinen spezifischen „Klang“ besitze und der Wissenschaftler Johannes Kepler, der zwar im 17. Jh. für seine astronomischen Erkenntnisse Berühmtheit erlangte, sich aber selbst vorrangig als Musiker verstand, hat dies bestätigt und in seinem Werk „de harmonice mundi“ (über die Harmonie der Welt) mathematisch nachgewiesen, dass die Planeten eigene klangliche Schwingungsmuster besitzen, zwischen denen Harmonien bestehen, was von der NASA in jüngerer Zeit aufgezeichnet und bestätigt wurde. Wir können also, wenn wir diese Tatsache tief in unserem Inneren „überprüfen“, davon ausgehen, dass auch andere Lebewesen, ja, auch wir selbst und die Gemeinschaften, die wir bilden, „Schwingungsmuster“ besitzen – man kennt das von Rupert Sheldrake angenommene Phänomen des „morphischen“ (oder „morphogenetischen“) „Feldes“ – in dem (oder als das?!) wir selbst „vibrieren“ und über welches wir mit anderen solchen „Feldern“ und „Mustern“ verbunden sind, neue solche zu bilden vermögen.

Aus der Musik sowie aus der Forschung über das klangliche Zusammenspiel in den Sphären weiss man nun, dass Harmonien die weitaus häufiger im Universum vorkommenden sind und dass Disharmonien danach streben, sich in Harmonien aufzulösen! Auch Tiere lassen ein dem Menschen ähnliches Harmoniegefühl erkennen: Vögel und Wale, so stellte man fest, reagieren auf menschliches Falschsingen irritiert – sie hören auf, „mitzusingen“, Pflanzen, denen verschieden „harmonische“ Musik vorgespielt wurde, reagierten darauf ebenso verschieden. (Östliche Klänge sind der Favorit, Westliche Klassik mögen sie sehr, Hardrockmusik treibt sie in grösstmöglichste Distanz zur Emissionsquelle.) Dieses Harmoniestreben ist, in seiner engen Relation zum Mathematischen allem Anschein nach ein universelles und so auch eng mit dem Grundbegriff des „Schönen“ verquickt, der von Plotin bis zu Heisenberg Naturwissenschaft, Philosophie und Religon des Orient wie Okzident durchzieht und in seiner Gestalt als universelle Forderung eint.

Harmonie also ein „Grundprinzip der Schöpfung“, das „Klangliche“ im weitesten Sinne möglicher – ja, vielleicht unbedingter Weg hin zu ihr? Wie dem auch sei, wir müssen hier sehr davor auf der Hut sein, eine möglicherweise in der Tiefe wurzelnde Wahrheit auf der Basis unseres Wünschens und Denkens kurzzuschliessen – auch Berendt warnt hiervor. Die offenkundige Harmonie sei uns zwar näher, die grundlegende, verborgene jedoch mächtiger, wie bereits Heraklit feststellte. So gilt das Ziel eigentlichen Hörens dem „Hören der Stille“, sowie dem „Durchdringen durch die Offensichtlichkeit des Harmonischen“. Sie, die Harmonie, „dorthin zu tragen, wo wir sie noch nicht hören/sehen/schmecken und riechen können“!: „Klang“ also im Sinne einer Art von Urmuster des Seienden, das zuallererst in der Stille, in der Kontemplation, im Gebet zu suchen sei? Letztendlich als Manifestation eines „Tanzes“ und „Gesanges“ zum Lob Gottes?

Im Islam kennen wir einen sehr vorsichtigen Umgang sowohl mit Musik als auch mit anderen Arten „kurzschlüssigen Harmoniebestrebens“. Gesellschaftliche Regelungen des Verbots sowie spirituelle Praktiken des Verzichts können durchaus auf solchem Hintergrund reflektiert werden. Aber auch die Pflege des guten Umgangs unter den Menschen, die Bildung gesunder („sounder“..) Gemeinschaftswesen und die Stärkung des Individuums sowie der Zivilgesellschaft im Sinne eines möglichst umfassenden ERKLINGENS jedes einzelnen ihrer Elemente bei gleichzeitiger Verwurzelung im Göttlichen kann aus dieser Perspektive gut nachempfunden werden.

Wir sind mit Sicherheit in einer Zeit angelangt, in der wir uns vom Urgrund weiter entfernt haben, als je zuvor. In der das Sehnen nach einem Wiederverbinden mit der allem zugrunde liegenden, mächtigen Harmonie schmerzhaft spürbar werden kann. Re- ligion ist die Basis, auf welcher diese (Wieder – ) Verbindung stattfinden kann – das Arabische Wort DIIN bezieht sich auf das Transaktionsmuster, welches unserem Umgang mit dem Schöpfer wie den Geschöpfen zugrunde liegt. In dieser Zeit, in der – angeheizt durch ein entsprechendes Wirtschaftssystem –der „Pool der Experimentiermöglichkeiten“ immer weiter ausgeschöpft wird und damit einhergehend, die Etablierung der „menschlicher Macht“ – auf der Grundlage eines sich rasant weiter verzweigenden, verfeinernden Geflechts von Standpunkten und Ideen, Ideologien und Polemik, sowie politischen und wissenschaftlichen Weltbildern immer neuen Raum schafft, insgesamt immer aufgeregter an der Oberfläche eines Geschehens „blubbert“, welches uns in seinem Kern zunehmend zu entgleiten, dessen eigentliche Wirklichkeit sich uns Schicht um Schicht zu verhüllen droht, täten wir gut daran, die Prioritäten neu zu setzen, unseren DIIN neu zu begreifen und zu beleben. Unmöglich, ohne zum einen die Massstäbe wieder gerade zu richten und das bedeutet für uns Muslime zuallererst nichts weniger, als sich vorrangig an der Gottesfurcht – arabisch Taqwa – sowie an der Gottesliebe und der Liebe zu unserem Propheten s.s. auszurichten. Unmöglich auch, ohne Einbezug aller unserer Sinne und ohne das demütige Eingeständnis, dass sämtliche Antworten, die wir zu geben vermögen, nur – momentbezogene – Ausschnitte widerzuspiegeln vermögen. Unmöglich daher, ohne dem (fragenden) Hören wieder mehr Raum zu geben, unsere Fragen in Gebete und unser Hören in Lobgesang münden zu lassen. Unmöglich auch, ohne Räume zu schaffen, in denen „Klangnyancen“ in allen ihren Variationen wieder vielfältig zur Geltung kommen dürfen.

Das „Erklingen“ selbst allerdings liegt gänzlich in anderer Hand – Hildegard von Bingen drückte das im 12. Jahrhundert so aus: „Es sind die Menschen Gefässe von Ton. So laut sie ihre Geheimnisse auch hinausschmettern mögen, sie sind wie eine Posaune, die den Ton nur erklingen lässt, ihn jedoch nicht selber bewirkt, in die vielmehr ein anderer bläst, damit sie ertöne. So möge ich denn erklingen wie eine Posaune aus lebendigem Licht.“

Oder, in den Worten unseres Zeitgenossen Peter Sloterdijk: „Für den, der wirklich sieht, ist das Auge ein Ohr des Lichts“.

Wir begehen nun wieder einmal in den heiligen Monat Ramadan, enthalten uns dadurch tagsüber des Essens und Trinkens. Werden dadurch zu „leeren Gefässen“, die sich neu befüllen, neu ordnen lassen.

Der Heilige Qur’an ist dasjenige Wunder, über welches uns in Struktur, Inhalt und Klang Schönheit, Harmonie und Wahrheit aus Göttlicher Quelle erreicht. Lasst ihn uns lesen, laut rezitieren es soll uns das Wunder in dieser gesegneten Zeit tief berühren, erfüllen, wandeln!

Ramadan Mubarak!

*) 2:7, 6: 46, 10:31; 16:78; 16:108; 36:17; 23:78; 32:9; 41:20, 41:22; 45:23; 46:26; 67:23; 76:2

**) Siehe: Quantenverschränkung und/oder „spukhafte Fernwirkung“ (A. Einstein)

Wolfgang BENZ – Islamfeindlichkeit und Antisemitismus

Wolfgang Benz in der Roten Fabrik in Zürich am 10. Mai 2015
HERZLICHEN Dank an Dr. BENZ für die Überlassung des Textes

Islamfeindlichkeit und Antisemitismus: Feindbilder einst und heute(Vortrag in Zürich 10. Mai 2015)

Wenn eine Umfrage ergibt, dass 80% der Deutschen den Islam als „fanatische und gewalttätige Religion“ sehen, dann beruht diese Erkenntnis nicht auf der Beschäftigung mit Inhalten und Lehrmeinungen, nicht auf Kenntnis von Koran und Sunna, nicht auf dem Studium von Geschichte und Kultur des Islam. Die Umfrage spiegelt vielmehr Angst und Abneigung, stimuliert durch Ressentiments, deren Tradition weit zurückreicht. Die stereotype Wahrnehmung der anderen Kultur gründet sich auf überlieferte Konnotationen und Assoziationen, die Kerne der Argumentation im Diskurs über den Islam bilden und nicht mehr hinterfragt werden, weil sie Bestandteil überlieferten „Wissens“ sind.

Die derzeit mit mehr Leidenschaft als Sachkenntnis beschworene Gefahr einer „Islamisierung Europas“, ausgetragen in Kopftuchdebatten, artikuliert im Verlangen nach Minarettverboten, agiert mit hasserfüllten Tiraden in der Blogger-Szene, demonstriert von der Bewegung „Pegida“ auf der Straße, greift auf jahrhundertealte Deutungsmuster zurück. Feindschaft gegen den Islam argumentiert seit dem Mittelalter mit schlichten Thesen der Abwehr, die durch Koran-Polemik Religion und Kultur des Islam als inhuman denunzieren und durch kulturrassistische Postulate den Muslimen generell negative Eigenschaften zusprechen. Der aktuelle „islamkritische“ Diskurs hat erhebliche xenophobe Züge, bedient Überfremdungsängste, argumentiert durchgängig mit religiösen Vorbehalten, die seltsamerweise in den säkularisierten Gesellschaften Europas mit großem Ernst vorgetragen und nachempfunden werden. Die Vorstellungen von Despotie (beginnend in der Familie), immanenter Gewaltbereitschaft, verbreiteter Bildungsunlust reichen weit zurück. Sie werden bekräftigt durch Verweise auf aktuellen Terrorismus durch Islamisten und auf Unrechtsregime, die durch Terror im Inneren und Drohungen nach außen diskreditiert sind.

Die Strategie des islamfeindlichen Diskurses zielt dahin, den „Islam“ als Einheit erscheinen zu lassen, für die islamistischer Terror typisch ist. Dazu lassen sich die Traditionen der Wahrnehmung des Islam gut instrumentalisieren. Im Orientalismus und Antisemitismus des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Feindbilder, die als vermeintlich dualer Gegensatz von „Semiten“ und „Ariern“ historisch wirkungsmächtig wurden. Dem christlichen Antijudaismus, der als religiöse Judenfeindschaft das Mittelalter und die frühe Neuzeit bestimmte, folgte der „moderne Antisemitismus“, der sich viel zugute hielt, dass er im Gegensatz zum Antijudaismus wissenschaftlich argumentiere und als Kategorie der Ausgrenzung nicht mehr die Religion sondern die „Rasse“ benutze. Inzwischen wissen wir, dass es gar keine Rassen gibt, aber die Stereotypen der Judenfeindschaft, die religiösen wie die rassistischen, sind immer noch verbreitet und werden ins Treffen geführt gegen die Juden. Dem rassistischen Nationalismus der deutschen Identitätsdebatte, die im Berliner Antisemitismusstreit 1879 gipfelte, folgte der wahnhafte Vernichtungskrieg der Nationalsozialisten gegen die europäische Judenheit – argumentativ begleitet von axiomatischen Ressentiments als ideologischer Begründung.

Parallelen in der Emanzipationsdebatte des 19. Jahrhunderts gegenüber Juden (als Fremden oder Anderen) und in der Gegenwart gegenüber Muslimen sind unübersehbar. Die Tradition reicht weit zurück: „Türken“ waren im Hohen Mittelalter zu emblematischen Feinden des Abendlandes geworden. Sie spielten diese Rolle auch im verschwörungstheoretischen Kontext der Judenfeindschaft. So war 1321 in Südfrankreich der Vorwurf der Brunnenvergiftung an die Juden mit der Beschuldigung verknüpft, Muslime hätten sie dazu angestiftet. In der Reformationszeit gehörte zu den gängigen Anklagen gegen Juden, die in den Legenden von Ritualmord, Hostienfrevel und Brunnenvergiftung konkretisiert wurden, auch die Vorstellung, sie seien mit dem Teufel im Bund und paktierten heimlich mit den Türken. „Die Türkengefahr“ bildete seit dem Fall Konstantinopels einen Topos, der dank dem neuen Medium Buchdruck rasch omnipräsent wurde. Das Bild von der Türkengefahr war anschlussfähig. Die Belagerungen Wiens nährten die historischen Ängste der Europäer mit nachhaltigen Folgen: Die derzeitige populistische „Islamkritik“ arbeitet mit den gleichen Mitteln, wenn sie Hass gegen die fremde Kultur predigt und Intoleranz propagiert. Der mit religiösen Argumenten gegen die Muslime als Fremde geübte aktuelle Kulturrassismus der Mehrheit steht in der Tradition der Judenfeindschaft, die als theologisch begründeter Antijudaismus begann.

Die Vorbehalte gegen Juden waren, seit sich das Christentum im 3./4. Jahrhundert als Staatsreligion im Römischen Reich durchgesetzt hatte, zunächst auch im Mittelalter ausschließlich religiöser Natur. Erst im 19. Jahrhundert entstand als neue Form der Judenfeindschaft der rassistisch motivierte „moderne Antisemitismus“.

In der Zeit der Aufklärung mit der von Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn propagierten Idee der Toleranz gegenüber Juden wurde der Weg zur Emanzipation, d.h. der rechtlichen Gleichstellung als Bürger, bereitet. Aber der Widerstand gegen die Gleichstellung der Juden mit den Christen, die Bürgerrechte und damit Sicherheit genossen, war beträchtlich und populär. Ins Treffen geführt gegen die Minderheit wurden theologische Argumente, die das Außenseitertum der Juden begründen und verfestigen sollten. Der wahrscheinlich wirkungsmächtigste Judenfeind, der seinen Judenhass als Frucht jahrzehntelanger Gelehrsamkeit agierte, war Johann Andreas Eisenmenger, geboren 1654 in Mannheim (dort ist er 1704 auch gestorben). Er war ab 1700 Professor für orientalische Sprachen in Heidelberg. Sein zweibändiges, 1700 im Selbstverlag publiziertes Werk „Entdecktes Judentum“ war das Initial einer Judenfeindschaft, die in der Tradition des christlichen, religiös fundamentierten Antijudaismus argumentierte, aber die Säkularisierung der Judenfeindschaft durch Zuschreibungen über ihr Wesen und ihren Charakter vorbereitete und die wichtigsten Stereotypen über „Die Juden“ dauerhaft fixierte.

Die Wirkung Eisenmengers bestand in der Installation der Vorstellung vom Juden, der durch die Lehren seiner Religion zu abscheulichen Handlungen im täglichen Leben verpflichtet sei, zu Handlungen wie Betrug, Diebstahl, Wucher, sexueller Lüsternheit, und zwar immer gerichtet gegen Nichtjuden: Eisenmenger stützte sich auf die Exegese des Talmuds und rabbinischer Literatur. Eisenmenger war der Wegbereiter für einen Judenhass, der die Denunziation des Talmuds als geheimnisvoller Gebrauchsanleitung jüdischer Heimtücke propagierte. Talmudhetze wurde gängiges und dauerhaftes Ingredienz der Judenfeindschaft. Mit der Autorität des Gelehrten, dessen Aussagen vom Publikum nicht überprüft und schon gar nicht falsifiziert werden können, suchte Eisenmenger mit Zitaten aus den religiösen Schriften zu beweisen, dass die Juden nicht nur ungestraft sondern durch religiöses Gebot sogar dazu angehalten seien, den Christen zu schaden. Dem Gelehrten folgten viele Epigonen.

Besonders vulgär bediente sich der katholische Theologe August Rohling (1839-1931) der Eisenmengerschen Methode. 1863 zum Priester geweiht, 1877-1885 Professor an der deutschen Universität Prag, propagierte Rohling die Legenden vom Ritualmord und über Hostienschändungen durch die Juden. Auch Rohling polemisierte in der Rolle des Fachmannes gegen den Talmud und argumentierte (obgleich er des Hebräischen nicht mächtig war) mit aus dem Zusammenhang gerissenen Talmudzitaten. Rohlings Schriften wurden von der Amtskirche als obszön abgelehnt, sie entzog ihm die Lehrerlaubnis. Publizistisch erreichte Rohling mithilfe der Wortführer des Antisemitismus in Österreich, Karl Lueger und Georg Heinrich Ritter von Schönerer und des Bonifatiusvereins in Deutschland viele Katholiken. Weit verbreitet und einflussreich war die 1871 erstmals veröffentlichte Schrift „Der Talmudjude“. Rohlings antijudaistische Agitation wurde noch vom Nationalsozialisten Julius Streicher als Referenz und Quellenmaterial des aggressiven „Stürmer“-Antisemitismus in Anspruch genommen.

Nach dem Vorbild der Talmudhetze gegen Juden entstand zwei Jahrhunderte später die Koranhetze gegen Muslime. Die Argumentation der „Islamkritiker“ folgt spiegelbildlich den Mustern der Judenfeinde. Das Böse, das ihnen ihre Religion angeblich gegen „Ungläubige“ auszuüben befiehlt, wird jetzt mit Suren aus dem Koran begründet. Wutgeschwollene Bürger mit Überfremdungsangst bedrängen den Referenten über Muslimfeindschaft mit der bohrenden Frage „Wissen Sie nicht, dass Muslime in so und so viel Suren des Korans zur tödlichen Gewalt gegen Andersgläubige aufgerufen werden?“ Und plädieren damit dafür, alle Muslime unter Generalverdacht im Namen einer Religion zu stellen. Man glaubt sich, ob der monoton vorgebrachten Gewissheit solcher Behauptung, von Islamwissenschaftlern umzingelt. Aber wie einst die Judenhasser Eisenmenger oder Rohling auf Mutmaßungen mangels Sachkompetenz angewiesen waren, so behaupten die heutigen Stichwortgeber der Muslimfeindschaft, Publizisten wie Raddatz und Ulfkotte, der Islam gebiete als Religion den Muslimen Gewalt gegen Nichtmuslime.

Dass Repräsentanten des Islam sich von Gewalt und allen anderen bösartigen Mutmaßungen über den Islam distanzieren, beeinträchtigt die Glaubwürdigkeit der zweifelhaften Experten bei ihrem Publikum nicht. Die Absicht der Ausgrenzung ist deutlich erkennbar, Muslime sollen, auch wenn sie längst loyale Bürger der Schweiz oder Deutschlands sind, Fremde bleiben, die stigmatisiert sind durch Herkunft, Kultur und Religion. Beklagt wird in gleichem Atemzug die angeblich fehlende Bereitschaft von Muslimen zur Integration. Angesichts der tatsächlich weit vorangeschrittenen und vielfach längst vollzogenen Integration muslimischer Mitbürger ist darüber nicht weiter zu diskutieren. Wohl aber darüber, ob die Angebote von Christen und Juden zum Dialog auf Augenhöhe ausreichend sind. Vielversprechende Anfänge sind zu konstatieren, aber viel mehr an Begegnung, an praktischer, an alltäglicher Gemeinsamkeit ist noch notwendig.

Neben den Terroranschlägen in Frankreich, neben der Trauer um Journalisten die für die Pressefreiheit ermordet wurden, und Juden, die als Geiseln Opfer islamistischer Gewalt wurden beunruhigt uns ein neues Phänomen. Es heißt Pegida. Die Abkürzung steht für „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Wie Islamisten den Islam für ihre Zwecke missbrauchen, so ist die Methode der Pegida-Bewegung nichts anderes als freche Usurpation. Der Anspruch, europäischen Patriotismus zu verkörpern ist absurd, denn einen solchen gibt es nicht ohne die gelebte Idee der Toleranz. Auch der Diebstahl der Parole „Wir sind das Volk“, mit der Bürger das Unrechtsregime der DDR besiegten, ist Anmaßung. Als „Bewegung“ hat sich Pegida rasch erledigt, als Haltung, als Attitüde der Angst und Abwehr, wird diese Art von Fremdenfeindschaft fortleben.

Das Abendland schließlich, in dessen Namen die Dresdner Bewegung und ihre Ableger agierten oder noch agieren, ist ein fragwürdiger Begriff. Das Abendland ist ein Mythos: er steht für eine Wertegemeinschaft, die griechisch-römische Philosophie mit christlichem Denken verbindet und den Eindruck erweckt, als habe sich die Antike im Christentum vollendet. Der Begriff ist immer als Kampf- oder Ausgrenzungsbegriff verwendet worden.

Wie inhaltsleer und dehnbar der Begriff Abendland war, zeigt sich auch darin, dass er sich immer auch gegen die Juden richtete. Das erscheint als die dreisteste Usurpation. Doch in jüngster Zeit wurde – nachdem Millionen Juden ermordet wurden – die jüdische Religion einbezogen, wenn es um die Abgrenzung gegen Muslime geht. Nicht nur Demonstranten bei den Pegida-Veranstaltungen beschwören die christlich-jüdischen Werte des Abendlandes, auch Politiker deklamieren den Spruch und in den Medien ist er präsent.

Das Ziel vernünftigen Strebens ist nicht die Rettung des Abendlandes durch dubiose rechtslastige Fanatiker, sondern eine offene friedliche, demokratische, interkulturelle, religiös und rechtlich tolerante Gesellschaft. Dazu ist statt dumpfer Abwehr und stumpfem Beharren auf dem Eigenen das Aufeinanderzugehen notwendig, der Dialog und der Austausch, voneinander zu lernen, um einander zu verstehen und zu akzeptieren.

Tariq Ramadan: Was ist ein Europäischer, was ein Schweizer Islam?

Der Anteil an Muslimen in der Schweiz entspricht rund 5% der Bevölkerung, der Islam ist somit die zweitgrösste Religionsgemeinschaft. Ein Drittel von ihnen besitzt einen Schweizer Pass.
In Frankreich ist der Anteil bei 8%, zwei Drittel davon haben einen französischen Pass. Ähnliche Zahlen gibt es zu Deutschland und zu England.
Der Islam ist Bestandteil Europas geworden. Ist es daher angebracht, den Schwerpunkt auf die Forderung nach „Integration” zu legen, wenn die Situation der Muslime, wie Ramadan diagnostiziert, „postintegrativ“ ist?
Hat die Mehrheit der Muslime nicht ein bikulturelles Selbstbewusstsein und ist in dieser Gesellschaft längst angekommen? Angesichts des Fokus des Westens auf Identität und Integration, der der Vielfalt nicht förderlich ist, ist für Ramadan die Frage von heute nicht die: »Woher komme ich?«, sondern: »Wohin gehe ich und mit wem?«.
Statt Integration müssten Mitbestimmung und Teilhabe, die volle Anerkennung des Islam gefördert werden.
Ziel ist es, mit dem weltweit bekannten Islamologen Tariq Ramadan herauszufinden, was ein europäischer und im speziellen was ein Schweizer Islam sein könnte. Wie müsste angesichts einer “postintegrativen Situation” der Mehrheit der Muslime im Westen die Partizipation der Muslime und die Institutionalisierung des Islams gefördert werden?
Tariq Ramadan, Schweizer Islamwissenschaftler, Präsident des European Muslim Network, lehrt am St. Antony’s College an der Oxford University.
Moderation: Alain Gresh, ehemaliger Chefredaktor des “Monde diplomatique”.
Einleitende Worte: Roland Merk, Schriftsteller und Philosoph.
Theatersaal Volkshaus Zürich, 20h, Eintrittspreise 27,-CHF, ermässigt 17,-CHF.
Vortrag bis 42:00
Diskussion mit A. Gresh bis 1:05
anschließend Q&A
Weitere Informationen ab Juni 2015 unter:

WANN ist EID ul FITR und EID ul ADHA 2015 – 1436

ENTSCHEIDUNGSKRITERIEN für die BESTIMMUNG des DATUMS ISLAMISCHER FEIERTAGE in EUROPA

Verfasser: Muhammad M. HANEL für VIOZ
(Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich)

 Für die Sichtungsdaten/Sichtungskurven 2015/1436 bitte HIER klicken

Die islamische Zeitrechnung beginnt am 16. Juli 622 n.C, mit dem 1. Muharram, dem von der islamischen Tradition festgelegten Datum der Hidschra, der Auswanderung des Propheten Muhammad aus Mekka nach Medina. Der islamische Kalender rechnet nach Mondjahren. Ein islamischer Monat beginnt immer mit der Sichtung der jüngsten Mondsichel (Hilal). Besonders wichtig ist dies für den Fastenmonat Ramadan.Die Länge jedes Monats ist je nach Mondstellung 29 oder 30 Tage. Der im Westen benutzte gregorianische Kalender rechnet nach Sonnenjahren. Weil das Mondjahr kürzer als das Sonnenjahr ist (10 -11 Tage pro Jahr), wandern die vom Mondzyklus bestimmten Monate im Laufe mehrerer Jahrzehnte durchs Sonnenjahr, bis sie wieder zur gleichen Zeit, gemessen am Sonnenjahr, stattfinden. Somit verschieben sich auch die religiösen islamischen Festtage jedes Jahr 10 -11 Tage nach vorne.

Zur Bestimmung der Monate kommen grundsätzlich zwei Methoden zur Anwendung:

  1. Sichtung der Mondsichel mit dem Auge.(Eine Überlieferung des Propheten Muhammad sagt: Wenn ihr ihn (den Neumond) seht, dann fastet, und wenn ihr ihn wieder seht, dann beendet euer Fasten, und wenn seine Sichtung nicht möglich ist, so schätzt die Zeit dafür.“
  2. Astronomische Vorausrechnung der Mondstellung, resp. das Zählen der Tage (der islamische Mondmonat hat entweder 29 oder 30 Tage – wichtig für die geographischen Gebiete, welche regnerisch und bewölkt sind und in welchen deshalb eine Sichtung des Mondes mit bloßem Auge nicht oder kaum möglich ist.) Über die Möglichkeiten der „globalen“ und „lokalen“ Sichtung weiter unten.

Basierend auf diesen zwei Methoden ergeben sich für die Muslime in der Schweiz, welche ursprünglich aus über 100 Ländern der Welt stammen, bislang folgende ACHT Entscheidungsvarianten für die Bestimmung der Daten der Festtage: Weiterlesen

BMK & öffentlich rechtliche Anerkennung

Sehr geehrter Herr Hanel

Momentan studiere ich Recht an der Universität Fribourg.
Ich schreibe meine Masterarbeit im Bereich der öffentlich-rechtlichen Anerkennung von jüdischen und islamischen Religionsgemeinschaften im Kanton Basel-Stadt.
In einem Teil meiner Arbeit untersuche ich, ob die BMK die Voraussetzung für eine kantonale Anerkennung im Kanton Basel-Stadt erfüllt. Ich wurde von Herr Karatekin gebeten, Sie diesbezüglich zu kontaktieren. Könnten Sie sich vorstellen noch heute ein Telefoninterview mit mir zu führen? Es würde nicht länger als 30 Minuten dauern.

Mit freundlichen Grüssen
Vania

    1. Inwiefern kann der BMK eine genügend grosse gesellschaftliche Bedeutung zugemessen werden?

      Durch ihr seit beinahe 20-jähriges Bestehen (Gründung 1997) und der Übernahme unterschiedlicher Aufgaben und Tätigkeiten* kommt der BMK eine grosse gesellschaftliche Bedeutung zu, besonders in den Bereichen Integration, gesellschaftlicher Dialog und Aufrechterhaltung des Religionsfriedens.

      * Einige Aufgaben und Tätigkeiten der BMK.
      – Ansprechpartner bei Fragen im Zusammenhang mit dem Islam gegenüber den Behörden, der
      Öffentlichkeit und den Medien.

      – Schnittstelle zwischen islamischen Organisation und Behörden auf Bundes-, Kantonal- und
      Gemeindeebene.
      – Förderung einer positiven Präsenz der Muslime und einer von allen Seiten akzeptablen
      Integration der islamischen Gesellschaft in die hiesige Gesellschaft.
      – Kontakte zu muslimischen Organisationen im nationalen und internationalen Bereich
      – Förderung und Führung des Interreligiösen Dialogs und des Runden Tisches.

    2. Die Religionsgemeinschaft sollte eine gewisse Grösse aufweisen, damit man diese anerkennen kann. Was ist die effektive Mitgliederzahl der BMK?

      Der BMK gehören 22 Mitgliedervereine und Stiftungen an. Die Mitgliederzahl, die derart der BMK verbunden sind und sich aus den Mitgliederzahlen der angeschlossenen Organisationen ergibt, beträgt in etwa 2200 Aktivmitglieder plus deren Familienangehörigen.

    3. Inwiefern trägt die BMK zur Respektierung des Religionsfriedens und der Rechtsordnung bei?

      Die BMK versteht sich als typisch schweizerische Organisation, ist als Verein nach dem ZGB organisiert und bezieht ihre Identität und Handlungsrichtlinien aus dem umfänglichen Bekenntnis zur Schweizer Rechtsordnung und gestaltet ihre Aktivitäten gemäss dieses Bekenntnisses.

    4. Wie ist die Finanzverwaltung der BMK ausgestattet?

      Die Finanzverwaltung ist gemäss den, für Schweizer Vereine gesetzlich geforderten Richtlinien gestaltet und erfüllt somit alle juristischen Erfordernisse. Die Einkommen der BMK setzen sich zusammen aus je 200.- CHF Mitgliedsbeiträge der Vereine, Spenden und Gönnerbeiträge. Hinzu kommen noch Einkünfte aus Veranstaltungen, welche allerdings gerade wieder für die Finanzierung dieser Veranstaltungen verbraucht werden.

    5. Wie gestaltet sich der Austritt aus einer islamischen Religionsgemeinschaft? Was für einen Beitrag leistet die BMK dazu bei?

      In diesem Zusammenhang verweise ich Sie auf ein Interview, welches ich der NZZ zum Thema gegeben habe.
      https://hanelislam.com/2015/01/28/steiniger-weg-zur-offentlich-rechtlichen-anerkennung/
      Ein muslimischer Verein in der Schweiz ist eine zivile juristische Person und daher der Schweizer Gesetzlichkeit unterworfen. Es stellt also grundsätzlich überhaupt kein Problem dar – weder juristisch noch theologisch – einem muslimischen/islamischen Verein oder einer muslimischen Gemeinschaft, welche nach öffentlich rechtlicher Anerkennung strebt oder diese bereits genießt, beizutreten und/oder diese wieder zu verlassen.

    6. Was sind die Vorteile dieser Anerkennung?

      Ein auf Sachlichkeit und rechtsstaatlich unzweifelhaftes und ordentlich ausgerichtetes Verhältnis der muslimischen Gemeinschaft zur Mehrheitsgesellschaft.

Dschihad & Muslime – ein Radio Interview, das nicht on-air ging

Diese Anfrage vom SRF (Schweizer Rundfunk und Fernsehen) wurde beantwortet und doch ging das Interview nicht on-air.

Die Begründung:
Ich zog mein Einverständnis zurück, da nur ein einziger Satz gesendet worden wäre (siehe rote Kennzeichnung) und – das ist wesentlich – die die Wortwahl der Frage derart geändert wurde, dass meine Antwort einen Kontext untermauert hätte, den ich nicht mittrage(n kann, soll, darf und will).
Der 40 minütige Disput mit dem leitenden Redakteur, der unbedingt eine Freigabe erwirken wollte – blieb aus Gründen, de ich gerne in einem „MEDIENSEMINAR im Umgang mit MUSLIMEN“ für Journalisten erläutere … ein LEHRSTÜCK!

Es gibt zwei Varianten. Die ursprüngliche (ganz unten) und die verkürzte darüber.

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Guten Tag Herr Hanel

Wie besprochen sende ich Ihnen einige Fragen zur Problematik, dass offenbar verschiedentlich Jugendliche aus dem Raum Zürich in den Dschihad gereist sein sollen.

–       Wie steht die Vioz zum Dschihad, z.B. in Syrien im Allgemeinen?

Der Begriff Dschihad wird in seiner umfänglichen Bedeutung meist missverständlich und einseitig fokussiert gebraucht. Daher im Namen der VIOZ zur Erinnerung:

In erster Linie bezeichnet dieser Fachausdruck die Bemühung der Menschen ihre eigene Triebseele zu beherrschen – oder umgangssprachlich gesagt, den „inneren Schweinehund“ unter Kontrolle zu bringen.

Erst in zweiter Linie bezeichnet dieser Begriff eine kriegerische Auseinandersetzung.

Die VIOZ stellt hiermit erneut unmissverständlich klar, dass sie sogenannte „dschihadistische“ Ideologien und daraus resultierende Handlungen ganz allgemein und im Zusammenhang mit den Vorgängen in Syrien oder sonst wo auf der Welt grundsätzlich ablehnt.

Im Übrigen ist der Begriff im zeitgemäßen globalen politischen Kontext unter den muslimischen Gelehrten in Bezug auf die Gültigkeit seiner Umsetzung höchst umstritten.

–       Offenbar sollen Jugendliche gezielt für den Dschihad angeworben werden, zum Teil soll diese Anwerbung auch in Moscheen stattfinden: Ist Ihnen dieses Problem bekannt?

Junge Menschen für kriegerische Auseinandersetzungen in der Moschee anzuwerben ist in der Schweiz bestimmt kein Unternehmen, welches mit dem Wissen der Moscheeverantwortlichen durchgeführt wird, ohne sofort gestoppt und verboten zu werden.

Eine Moschee ist allerdings nicht nur ein Ort religiöser Erbauung, sondern auch öffentlicher sozialer Treffpunkt an welchem über alles, sozusagen über Gott und die Welt gesprochen wird. Dass auch in Moscheen, wie an sonst jedem anderen beliebigen Ort Kontakte mit höchst unterschiedlichen Motivationen geknüpft werden können, (kann, darf und) sollte von keiner vernünftigen Person negiert werden.

–       Die Moscheen sagen stets, sie wüssten nichts davon oder sie geben gar keine Auskunft, Imame oder andere Verantwortliche sind nicht erreichbar: Verschliessen sie da zu fest die Augen, bräuchte es ein Umdenken?

Es scheint wirklich so zu sein, dass die Medien über die aktuellen Vorfälle in der Schweiz früher und besser informiert sind, als die Muslime selbst. Eigentlich kein Wunder, da die Haltung der Imame, der Moscheevereinsführung und der VIOZ klar ist. Daher werden Personen, welche sich als Rekrutierer für ausländische Kriegs- oder terroristische Handlungen betätigen möchten, nicht augenfällig agieren.

Dass die Muslime sich vermehrt weigern, den Medien Auskünfte zu geben ist einfach erklärt. Die Medien beherrschen jedenfalls den kompetenteren Umgang mit der Sprache und üben zusätzlich durch ihr mehrheitlich selektives, willkürliches und verkürztes Zitieren ursprünglicher Aussagen ihre Macht gesellschaftlicher Beeinflussung auf eine Art und Richtung aus, welche die Muslime nicht zu unterstützen bereit sind.
(Nachträgliches Kommentar: ein Umstand, der sich gerade bei diesem Interview wieder bewahrheitet hat 😦 )0

Ein Umdenken muss tatsächlich stattfinden. Und zwar in der ganzen Gesellschaft – es geht also vielmehr um das ÖFFNEN der Augen jener Tatsache gegenüber, dass nicht die Muslime oder deren Moscheen die erste Ursache für höchst schädliche Entwicklungen und in das Zentrum der Beachtung medialer und somit gesellschaftlicher Verdächtigung und Verursachung gerückt werden. Die Thesen von Jürgen Todenhöfer (nachträglich eingefügt: und die These, dass die militärischen Drohnen über muslimischen Ländern die besten Rekrutierer für den „islamistischen Dschihad sind,) dürfen in diesem Zusammenhang studiert werden!

–       Von Fachstellen wird bemängelt, dass in den Moscheen keine Jugendarbeit gemacht wird, das wäre dringend nötig. In dieser Richtung gibt es tatsächlich noch kein Angebot?

Ja natürlich gibt es auf diesem Gebiet einen Mangel festzustellen und doch – die Muslime bemühen sich ständig, diesbezügliche Angebote zu entwickeln und umzusetzen – doch es mangelt den Muslimen einfach an jenen Ressourcen, welchen staatlichen oder kirchlichen Organisationen und Institutionen zu Verfügung stehen, um professionelle Jugendarbeit durchzuführen.

–       Wenn nicht, wurde in Sachen Jugendarbeit schon etwas angedacht?

 

–       Wenn ja, was konkret?

Hierbei sind vor allem die Bemühungen und Veranstaltungen der Jugendlichen selbst zu erwähnen, die natürlich ihre eigene Zukunft gerne positiv selbst gestalten möchten. Ich nenne nur beispielhaft die Veranstaltungen studentischer Organisationen wie den Freitagsclub, die MSAZ oder die der Ummah. Auch muslimische Dachverbände wie die VIOZ oder VAM und selbst einzelne Moscheevereine bemühen sich z.B. mit Lagern für Jugendliche oder Familien in dieser Hinsicht aktiv zu werden. Doch – ich wiederhole mich – es fehlt ganz einfach an den Ressourcen, um hier wirklich zeitgemäß agieren zu können.

– Bezüglich fehlender Ressourcen würde ich sie dann gerne noch fragen, was ihre Ideal-Vorstellungen sind, um zu mehr Ressourcen zu gelangen.

Dafür gibt es verschiedene Ansätze.

  • Die öffentlich rechtliche Anerkennung muslimischer Gemeinschaften,
  • die finanzielle Unterstützung für diesbezügliche muslimische Projekte
  • oder ganz allgemein – und dies ist meine persönliche Präferenz – die offene und finanziell gesicherte KOOPERATION also ZUSAMMENARBEIT entsprechender Fachstellen mit kompetenten Vertretern aus der muslimischen Gesellschaft.

Für meinen Beitrag über Jugendliche, die in den Dschihad reisen, spreche ich auch noch mit verschiedenen anderen Personen: Zum Beispiel mit 2 Fachstellen, die sich mit radikalisierten Jugendlichen befassen und mit einer Professorin, die in diesem Gebiet Forschungen betreibt. Gerne würde ich dazu auch die Sicht der VIOZ darstellen.

Über einen Anruf würde ich mich sehr freuen. Wie gesagt, sind wir beim Radio auf Töne angewiesen. Ich würde ihnen die Fragen deshalb gerne am Telefon stellen und das Gespräch aufzeichnen, so dass ich ein Statement von ihnen verwenden kann.

Freundliche Grüsse
F.K.

 ERSTE, URSPRÜNGLICHE VERSION

–       Wie steht die Vioz zum Dschihad, z.B. in Syrien im Allgemeinen?

Da der Begriff Dschihad stets in seiner umfänglichen Bedeutung missverständlich gebraucht wird, ist es wohl im Namen der VIOZ erforderlich, eine erneute Klarstellung in der Öffentlichkeit zu kommunizieren. In erster Linie bezeichnet dieser Fachausdruck die Bemühung der Menschen ihre eigene Triebseele zu beherrschen – umgangssprachlich gesagt, den „inneren Schweinehund“ unter Kontrolle zu bringen.

In zweiter Linie bezeichnet dieser Begriff eine kriegerische Auseinandersetzung eines legitimen islamischen Staatswesens im Falle eines Angriffs. Die VIOZ stellt erneut unmissverständlich klar, dass sie sogenannte dschihadistische Ideologie ganz allgemein und im Zusammenhang mit den Vorgängen in Syrien oder sonst wo auf der Welt grundsätzlich ablehnt. Im Übrigen ist der Begriff im zeitgemäßen globalen politischen Kontext unter den muslimischen Gelehrten in Bezug auf die Gültigkeit seiner Umsetzung höchst umstritten.

–       Offenbar sollen Jugendliche gezielt für den Dschihad angeworben werden, zum Teil soll diese Anwerbung auch in Moscheen stattfinden: Ist Ihnen dieses Problem bekannt?

Junge Menschen für kriegerische Auseinandersetzungen anzuwerben ist ein Unternehmen, welches durchaus auch mit Unterstützung jeweiliger Regierungen auf dem Universitätscampus oder über die Medien passiert – Stichwort „Vietnamkrieg“ nach amerikanischem Vorbild. Eine Moschee ist nicht nur ein Ort religiöser Erbauung, sondern auch sozialer Treffpunkt an welchem über alles, sozusagen über Gott und die Welt gesprochen wird. Dass gezielte Anwerbungen in Zürcher Moscheen stattfinden, ist völlig auszuschließen. Dass auch in Moscheen, wie an sonst jedem anderen beliebigen Ort Kontakte mit höchst unterschiedlichen Motivationen geknüpft werden können, (kann, darf und) sollte von keiner vernünftigen Person negiert werden.

–       Die Moscheen sagen stets, sie wüssten nichts davon oder sie geben gar keine Auskunft, Imame oder andere Verantwortliche sind nicht erreichbar: Verschliessen sie da zu fest die Augen, bräuchte es ein Umdenken?

Es scheint wirklich so zu sein, dass die Medien über die aktuellen Vorfälle in der Schweiz früher und besser informiert sind, als die Muslime selbst. Eigentlich kein Wunder, da die Haltung der Imame, der Moscheevereine und der VIOZ klar ist. Daher werden Personen, welche sich als Rekrutierer für ausländische Kriegs- oder terroristische Handlungen betätigen möchten, nicht augenfällig agieren.

Ein Umdenken muss tatsächlich stattfinden. Und zwar in der ganzen Gesellschaft – es geht also vielmehr um das ÖFFNEN der Augen jener Tatsache gegenüber, dass nicht die Muslime oder deren Moscheen die erste Ursache für höchst schädliche Entwicklungen und in das Zentrum der Beachtung medialer und somit gesellschaftlicher Verdächtigung und Verursachung gerückt werden. Die Thesen von Jürgen Todenhöfer dürfen in diesem Zusammenhang studiert werden!

–       Von Fachstellen wird bemängelt, dass in den Moscheen keine Jugendarbeit gemacht wird, das wäre dringend nötig. In dieser Richtung gibt es tatsächlich noch kein Angebot?

Doch, doch – die Muslime bemühen sich ständig, diesbezügliche Angebote zu entwickeln und umzusetzen – doch es fehlen den Muslimen einfach jene Ressourcen, welchen staatlichen oder kirchlichen Organisationen und Institutionen zu Verfügung stehen, um professionelle Jugendarbeit durchzuführen.

–       Wenn nicht, wurde in Sachen Jugendarbeit schon etwas angedacht?

–       Wenn ja, was konkret?

Hierbei sind vor allem die Bemühungen und Veranstaltungen der Jugendlichen selbst zu erwähnen, die natürlich ihre eigene Zukunft gerne positiv selbst gestalten möchten. Ich nenne nur beispielhaft die Veranstaltungen studentischer Organisationen wie den Freitagsclub, die MSAZ oder Ummah. Auch muslimische Dachverbände wie die VIOZ oder VAM und selbst einzelne Moscheevereine bemühen sich z.B. mit Lagern für Jugendliche oder Familien in dieser Hinsicht aktiv zu werden. Doch – ich wiederhole mich – es fehlt ganz einfach an den Ressourcen um hier wirklich zeitgemäß agieren zu können.